Beschreibung: zeit-deutschZeit zu leben und Zeit zu sterben

Roman

 

 

Inhalt

Der 23jährige Landser Ernst Graeber erlebt an der Ostfront im Zweiten Weltkrieg, nach der Niederlage der deutschen 6. Armee in Stalingrad, verheerende Verluste und fluchtartige Rückzüge. Er erhält unerwartet Urlaub und fährt in seine Heimatstadt Werden, die durch Bombenangriffe der Alliierten stark zerstört ist. Von seiner ausgebombten Familie kann er niemanden finden, erfährt aber, daß sie evakuiert wurde. Er trifft auf Elisabeth, deren Vater durch Denunziation im Konzentrationslager ist, und verliebt sich in sie.
Graebers ehemaliger Klassenkamerad Alfons Binding ist mittlerweile Kreisleiter geworden und - zusammen mit weiteren Gestapoangehörigen - für zahlreiche unberechtigte Verhaftungen und andere Verbrechen verantwortlich.
Graeber sucht seinen ehemaligen Religionslehrer Pohlmann auf, um Antworten auf seine Fragen nach der Verantwortlichkeit für die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht und des 'deutschen Volkes' zu erhalten, doch Pohlmann kann ihm keinen anderen Rat als denjenigen geben, dass jeder für sein Handeln und die daraus entstehenden Konsequenzen selbst verantwortlich ist. (siehe Auszug)
Graeber und Elisabeth heiraten und verleben einige friedliche Tage in einem Wirtshaus, bevor Graeber wieder an die Front zurückkehrt. Hier wird er nach der Befreiung von russischen Zivilisten durch einen von ihnen erschossen, nachdem er sich geweigert hatte, sich ihnen als Überläufer anzuschließen.

Auszug

Pohlmann blickte in das sanfte grüne Licht der Lampe. "Weshalb sind Sie zu mir gekommen, Graeber?"
"Fresenburg hat mir gesagt, ich solle zu Ihnen gehen."
"Kennen Sie ihn gut?"
"Er war der einzige Mensch draußen, dem ich ganz vertraut habe. Er sagte, ich solle zu Ihnen gehen und mit Ihnen sprechen. Sie würden mir die Wahrheit sagen."
"Die Wahrheit? Über was?"
Graeber sah den alten Mann an. Er war bei ihm in der Klasse gewesen, und es schien endlos lange herzusein; aber trotzdem hatte er einen Herzschlag lang das Gefühl, als wäre er wieder ein Schüler und würde über sein Leben gefragt - und als müsse sich sein Schicksal nun entscheiden [...]. "Ich möchte wissen, wieweit ich an den Verbrechen der letzten zehn Jahre beteiligt war", sagte er. "Und ich möchte wissen, was ich tun soll."
[...] "Wissen Sie, was Sie mich da fragen?"
"Ja."
"Man wird heute für weniger geköpft."
[...]
"Es ist noch furchtbarer, wieder hinauszumüssen und es zu wissen und dadurch vielleicht zum Mitschuldigen zu werden. Werde ich das?"
[...]
"Schuld", sagte er [Pohlmann] dann sanft. "Niemand weiß, wo sie beginnt und wo sie endet. Wenn Sie wollen, beginnt sie überall und endet nirgends. Aber vielleicht ist es auch genau umgekehrt. Und Komplizenschaft! Wer weiß davon? Nur Gott."
Graeber machte eine ungeduldige Geste. "Gott sollte allerdings davon wissen", antwortete er. "Andernfalls gäbe es keine Erbsünde. Das ist Komplizenschaft, die sich über Tausende von Generationen erstreckt. Aber wo beginnt die persönliche Verantwortung? Wir können uns nicht einfach hinter der Tatsache verstecken, daß wir auf Befehl handelten. Oder können wir das? [...] Aber wann beginnt die Mitschuld? [...] Wann wird zum Mord, was man sonst Heldentum nennt?" [...]
Pohlmann sah ihn gequält an. "Wie kann ich Ihnen das sagen? Es ist eine zu große Verantwortung. Ich kann es nicht für Sie entscheiden."
"Muß jeder es selbst entscheiden?"
"Ich glaube ja. Was sonst?"

Kontext / Analyse

Remarques Roman über die deutsche Ost- und Heimatfront im Zweiten Weltkrieg und die Versuche eines Landsers, seinen persönlichen Anteil an der Schuld für die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht zu ermessen, gehört ebenso wie die Romane Der schwarze Obelisk und Der Funke Leben sowie das Theaterstück Die letzte Station in sein persönliches schriftstellerisches Re-Education-Programm, wie er es in einer entsprechenden Arbeit für den amerikanischen Geheimdienst OSS 1944 formuliert hat.
Der Autor verbindet die Rückerinnerung mit der deutlichen Warnung vor einer möglichen Wiederkehr eines neuen kriegerischen "Ostfeldzuges" mit neuen Verbrechen im Zuge des Kalten Krieges. Er richtet sich gegen Ideologien, in denen u.a. die Remilitarisierung der jungen Bundesrepublik als unabdingbarer Schutz vor vermeintlich aggressiven Absichten der Sowjetunion suggeriert wird.
Gleichzeitig stellt der Autor die Frage nach Schuld und Mitschuld, nach Verantwortlichkeit und nicht zuletzt nach dem Umgang mit der Vergangenheit - vor allem in Deutschland.
Entsprechend schwierig gestaltet sich dann auch die Bewertung durch die öffentliche Kritik. Wie auch schon bei dem Konzentrationslagerroman Der Funke Leben ist ein wesentliches Merkmal der Kritik, dass Remarque "nicht dabei gewesen" ist und ihm so jede Berechtigung zur fiktiven Gestaltung derartiger Themen fehle. Andererseits wird auch sein Versuch, aufzuklären und zu mahnen, anerkannt und gewürdigt.
Problematisch ist die Rezeption dieses Romans nicht zuletzt durch die informelle Verlagszensur durch Kiepenheuer & Witsch für die deutsche Ausgabe. Die Änderungen beschränken sich nicht nur auf die Korrektur sachlicher Fehler, sondern erstrecken sich hauptsächlich auf die Streichung oder Abschwächung (gesellschafts-)politisch als brisant eingeschätzter Passagen und Personencharakterisierungen. Schließlich wird sogar durch die Änderung des Romanendes die von Remarque intendierte Aussage in ihr Gegenteil verkehrt.
Erst 1989 wird durch eine revidierte Neuausgabe, ebenfalls im Kiepenheuer & Witsch Verlag, diese informelle Verlagszensur zurückgenommen und somit der von Remarque ursprünglich zur Veröffentlichung vorgesehene Text dem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich gemacht.

 

Weiterführende Literatur

Studien und wissenschaftliche Aufsätze

 

Richard A. Firda. Erich Maria Remarque. A thematic analysis of his novels. New York, Bern, Frankfurt/Main, Paris: Peter Lang, 1988 (American University Studies XIX, 8), 145–184.

Peter Junk. »Ort zu leben und Ort zu sterben: Osnabrück 1943. Fiktion und Realität am Beispiel eines Romans«. Tilman Westphalen (ed.). Erich Maria Remarque 1898 – 1970. Bramsche: Rasch, 1988, 94–112.

Bernhard Nienaber. »Remarque gegen Restauration. Der Rußland-Kriegsroman ›Zeit zu leben und Zeit zu sterben‹«. Krieg und Literatur/War and Literature 1 (1989), 1, 53–88.

Harley U. Taylor. Erich Maria Remarque. A literary and film biography. New York, Bern, Frankfurt/Main, Paris: Peter Lang, 1989 (American University Studies I, 65), 195–214.

Tilman Westphalen. »Nachwort. ›Wann wird zum Mord, was man sonst Heldentum nennt?‹«. Erich Maria Remarque. Zeit zu leben und Zeit zu sterben. Roman. Mit einem Nachwort von Tilman Westphalen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1989 (KiWi 193), 401–421.

Tilman Westphalen. »Wann wird zum Mord, was man sonst Heldentum nennt. Erich Maria Remarque. Zeit zu leben und Zeit zu sterben. Roman. Mit einem Nachwort von Tilman Westphalen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1998 (KiWi 489), 401–421.

Jens Asmus. Gibt es Alternativen? Remarques literarisch gestaltete Antworten auf die Frage nach einer postfaschistischen Perspektive für Deutschland in den Romanen »Der Funke Leben« (1952) und »Zeit zu leben und Zeit zu sterben« (1954). Magdeburg: Pädagogische Hochschule, Institut für Germanistik [Examensarbeit], 1991, [masch.] 51 pp.

Hans Wagener. Understanding Erich Maria Remarque. Columbia, SC: University of South Carolina Press, 1991 (Understanding Modern European and Latin American Literature), 75–81.

Bernhard Nienaber. Vom anachronistischen Helden zum larmoyanten Untertan. Eine Untersuchung zur Entwicklung der Humanismuskonzeption in Erich Maria Remarques Romanen der ­Adenauer-­Restauration. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1997 (Epistemata Würzburger wissenschaftliche Schriften 206), 95–164.

Thomas F. Schneider. »›Und Befehl ist Befehl. Oder nicht?‹ Erich Maria Remarque: Zeit zu leben und Zeit zu sterben (1954)«. Hans Wagener (ed.). Von Böll bis Buchheim. Deutsche Kriegsprosa nach 1945. Amsterdam, Atlanta, GA: Rodopi, 1997 (Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 42), 231–247.

Daina Frąckowiak. Erich Maria Remarques Kritik in Deutschland und in Polen am Beispiel der Romane der 50. und 60. Jahre. Bydgoszcz: Universität [Magisterarbeit], 1998, [masch.] 6–34.

Stefan Kaszynski. »Absicht und Wirkung. Rezeptionsästhetische Strategien im Kriegsroman Zeit zu leben und Zeit zu sterben von Erich Maria Remarque«. Thomas Schneider (ed.). Erich Maria Remarque. Leben, Werk und weltweite Wirkung. Osnabrück: Universitätsverlag Rasch, 1998 (Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs 12), 311–324.

Maggie Sargeant. »A Lost War. Zeit zu leben und Zeit zu sterben«. Brian Murdoch, Mark Ward, Maggie Sargeant (eds.). Remarque against War. Essays for the centenary of Erich Maria Remarque, 1898–1970. Glasgow: Scottish Papers in Germanic Studies, 1998 (SPGS 11), 119–144.

Hans Wagener. »Erich Maria Remarque, Im Westen nichts NeuesZeit zu leben und Zeit zu sterben. Ein Autor, zwei Weltkriege«. Erich Maria Remarque Jahrbuch/Yearbook 10 (2000), 29–50.

Hans Wagener. »Erich Maria Remarque, Im Westen nichts NeuesZeit zu leben und Zeit zu sterben: Ein Autor, zwei Weltkriege«. Ursula Heukenkamp (ed.). Schuld und Sühne? Kriegserlebnis und Kriegsdeutung in deutschen Medien der Nachkriegszeit (1945–1961). Amsterdam: Rodopi, 2001 (Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 50), 103–111.

Sarah Ben Ammar. Das Dritte Reich und die Emigration in 2 Romanen von Erich Maria Remarque: Arc de Triomphe und Zeit zu leben und Zeit zu sterben. Lille: Université de Lille III [Examensarbeit], 2000/2001, [masch.] 89 pp.

Rolf Parr. »Ein frühes Kapitel ›Wehrmachtskritik‹. Erich Maria Remarques Roman ›Zeit zu leben und Zeit zu sterben‹«. Peter Conrady (ed.). Faschismus in Texten und Medien: Gestern – Heute – Morgen? Oberhausen: Athena, 2004 (Lesen und Medien 16), 99–117.

Heinrich Placke. Die Chiffren des Utopischen. Zum literarischen Gehalt der 50er-Jahre-Romane Remarques. Göttingen: V&R unipress, 2004 (Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs 18), 255–372.

Brian Murdoch. The Novels of Erich Maria Remarque. Sparks of Life. Rochester/NY, Woodbridge: Camden House, 2006, 159–194.

Elena Andreevna Lipina. Realizatsiia lingvokul’turnogo kontsepza »Vremia voennoe/Kriegszeit« v idiolektakh K.M. Simonova i E.M. Remarka. Na materiale tekstov voennoj prozy. Tiumen: Universität [Avtoreferat], 2008.

 

 

Entstehung und Publikation/Genesis and Publication

 

Rex W. Last. »The ›Castration‹ of Erich Maria Remarque«. Quinquereme. New Studies in Modern Languages 2 (1979), 1, 10–22.

Angelika Howind, Thomas Schneider. »›Weiterschweigen heißt seine Schuld eingestehen‹. Zeit zu leben und Zeit zu sterben: Die Zensur eines Antikriegsromans in der BRD und ihre Revision«. Krieg und Literatur/War and Literature 1 (1989), 2, 79–142.

Thomas Schneider, Angelika Howind. »Die Zensur von Erich Maria Remarques Roman ›Zeit zu leben und Zeit zu sterben‹ 1954 in der BRD. Mit einem Seitenblick auf die Rezeption in der DDR«. Ursula Heukenkamp (ed.). Militärische und zivile Mentalität. Ein literaturkritischer Report. Berlin: Aufbau, 1991 (AtV 78), 303–320.

 

 

Rezeption/Reception

 

Radoslava Pritzová. Die Remarque-Rezeption in der Tschechoslowakei. Analyse der deutschen, tschechischen und slowakischen Rezeption zum Roman »Zeit zu leben und Zeit zu sterben«. Bratislava: Filozofická fakulta Univerzity Komenského [Diplom­arbeit], 1997, [masch.] 99 pp.

Hannes Heer. »Blockierter Schmerz. Warum das Erinnern an die Verbrechen der Wehrmacht so schwer fällt«. Neue Deutsche Literatur 47 (1999), 5, 19–32.

Aleksandr Ivanovich Borozniak. »›Mertvye budut obriniat’ vas...‹. Roman E.M. RemarkaVremia zhiti vremia umirat’‹ v kontekste diskussij o prestuplenijakh natsizma«. Novaia i novejshaia istorija (Moskva) 1 (2008), 185–200.

 

Zum Vorwurf der Verlagszensur

bl. "'Information' afslører: Remarque set under censur: Tyskland". Information (Kopenhagen, DK), 09.10.1954 [R-A 8.12.029].

"Gereinigter Remarque?" Die Welt (Hamburg), 11.10.1954 [R-A 8.12.029/1]

"Den tyske forloegger om censuren af Remarque". Information (Kopenhagen, DK), 18.10.1954 [R-A 8.12.031].

K.C. "'Das ist Zensur!' Osloer Stimme zum Fall Remarque". Die Welt des Arbeiters, 28.10.1954 [R-A 8.12.032].

Eisenreich, Herbert. "Im Osten nichts Neues". Die Zeit (Hamburg), 28.10.1954 [R-A 8.12.032/1].

A.Ss. "Der Fall Remarque oder die Verlagszensur". St. Galler Tagblatt, 30.10.1954 [R-A 8.12.033].

bl. "Tysk beskyldning mod 'Information' for krypto-kommunisme". Information (Kopenhagen, DK), 06.12.1954 [R-A 8.12.035].

bl. "Nyt fra Vestfronten: Remarques censor paa krigsstienigen". Information (Kopenhagen, DK), 11.12.1954 [R-A 8.12.036].

"Remarque. Liquidation mit dem Rotstift". Der Spiegel (Hamburg), 15.12.1954 [R-A 8.12.001].

Weiskopf, F.C. "Die politischen Valenzen des Dr. Witsch oder Der kastrierte Remarque". Neue Deutsche Literatur (Berlin, DDR) III (1955), 02.02.1955, 99-107 [R-A 8.12.037].

Weiskopf, F.C. "Der kastrierte Remarque. Nochmals zu dem Roman 'Zeit zu leben und Zeit zu sterben". Neue Deutsche Literatur (Berlin, DDR) V (1957), 4, 108-126 [R-A 8.12.043].

Schneider, Thomas / Howind, Angelika. "'Weiterschweigen heißt seine Schuld eingestehen'. Zeit zu leben und Zeit zu sterben: Die Zensur eines Antikriegsromans in der BRD und ihre Revision". Krieg und Literatur/War and Literature I (1989), 2, 79-142 [R-A 8.12.3.005].

 

Rezensionen

Hansen, Thorkild. "Intet nyt fra østfronten. Erich Maria Remarques nye roman om den anden verdenskrig". Information (Kopenhagen, DK), 03.09.1954 [R-A 8.12.024].

Hrastnik, Franz. "Remarques Weise von Liebe und Tod". Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.09.1954 [R-A 8.12.028].

Sutschkow, Boris. "Remarques jüngster Roman". Sowjet-Literatur (Moskau, UdSSR), 3, 03.1955, 197-203 [R-A 8.12.041].

R.C. "Erich Maria Remarque". Aufbau (New York, USA) 13 (1957), 8, 219-220 [R-A 8.12.045].

Wagner, Frank. "Wofür leben und sterben? Notizen zum Roman 'Zeit zu leben und Zeit zu sterben' von Erich Maria Remarque". Neues Deutschland (Berlin, DDR), 05.05.1957 [R-A 8.12.054].

Cwojdrak, Günther. "Krieg im Blitzlicht". Neue Deutsche Literatur (Berlin, DDR) V (1957), 6, 149-151 [R-A 8.12.054].