All Quiet on the Western FrontKurz
nach dem Erscheinen von Im
Westen nichts Neues begann unter der Regie von Lewis Milestone,
der 1948 auch Arc de Triomphe inszenieren sollte, in den USA
die Verfilmung des Erfolgbuches. Die Hauptrolle des Bäumer wurde von Lew Ayres
gespielt. Hier ist das französische Filmplakat von 1930 abgebildet.
Am
11. Dezember 1930, nicht einmal eine Woche nach der deutschen Erstaufführung,
verbot die Film-Oberprüfstelle Berlin alle weiteren Aufführungen von Im
Westen nichts Neues für ganz Deutschland. Das Protokoll der Verhandlung,
die zum Verbote des Filmes führte, hat das Deutsche
Institut für Filmkunde Frankfurt im Internet publiziert. Auf seinen
Seiten wird außerdem die Geschichte der Filmzensur der Weimarer Republik und
der frühen Nationalsozialistischen Diktatur erläutert und es können zahlreiche
weitere Zensurgutachten nachgelesen werden.
All Quiet on the Western Front
(Im Westen nichts Neues)
nach Erich Maria Remarques Roman Im
Westen nichts Neues (1928/29)
USA
1930; Universal Pictures
Originallänge: 140 Min., schwarz/weiß mit teilweise eingefärbtem
Filmmaterial
(Es wurde auch eine etwas längere stumme Version mit Zwischentiteln
angefertigt)
Regie: Lewis Milestone; Dialogregie: George Cukor; Produktion:
Carl Laemmle jr.; Buch: Maxwell Anderson, George Abbott, Del Andrews,
Lewis Milestone; Kamera: Arthur Edeson; Schnitt:
Edgar Adams, Milton Carruth; Musik: David Brockman
Darsteller: Lew Ayres (Paul Bäumer), Louis Wolheim (Katczinsky), John Wray (Himmelstoß), Raymond Griffith (Gerard Duval), George Summerville (Tjaden), Russell Gleason (Müller), William Bakewell (Albert), Beryl Mercer
(Mutter Bäumer, zunächst wurden die Szenen mit ZaSu
Pitts in dieser Rolle gedreht), Yola d’Avril (Suzanne), Harold Goodwin (Detering),
Walter Browne Rogers (Behm), Owen Davis Jr. (Peter), Scott Kolk (Leer), Ben
Alexander (Kemmerich), Edwin Maxwell (Herr Bäumer), Marion Clayton (Erna),
Richard Alexander (Westhus), Pat Collins (Lt. Bertinck), Arnold Lucy (Kantorek),
Bill Irving (Ginger), Renee Darmonde, Poupee Andriot (französische
Mädchen), Edmund Breese (Herr Meyer), Heinie Conklin (Hammacher),
Bertha Mann (Schwester Libertine), Bodil Rosing (Franz Wachter)
Erstaufführung:
Los Angeles, 20. April 1930
Deutsche Erstaufführung: Berlin, 4. Dezember 1930
Rekonstruktionen:
1. Zweites Deutsches Fernsehen 1984. Redaktion Jürgen Labenski. Länge ca. 135 Min. Erstaufführung: 18. November
1984
2. NL 1. Länge ca. 135 Min. Erstaufführung: 6. November 1993
3. Westdeutscher Rundfunk 1995. Redaktion Walter Maus. Länge 135 Min. Erstaufführung:
3. Oktober 1995
Von der kollektiven Kriegsbegeisterung
angesteckt, meldet sich eine Abitursklasse
geschlossen freiwillig zum Militär. Vom zum Menschenschinder verwandelten
ehemaligen Briefträger Himmelstoß werden sie, unter ihnen Paul Bäumer, bis zur
völligen Erschöpfung während der Ausbildung schikaniert.
Ein Rotkreuzzug voller Verwundeter am
Bahnhof des ersten Einsatzgebietes, der erste Angriff, der erste Tote unter
ihnen, Hunger, Nässe und Unbequemlichkeiten verdeutlichen ihnen sehr schnell
den Ernst des Krieges.
In den erfahrenen Soldaten Katczinsky ("Kat") und Tjaden finden sie
Kameraden, die ihnen überlebenswichtige Ratschläge geben. Dennoch sterben
bereits in den ersten Gefechten einige der jungen Soldaten und bald ist die
Hälfte der Kompanie gefallen.
Der Mitschüler Kemmerich, dem die Beine
amputiert wurden, stirbt im Lazarett. Seine guten Stiefel wechseln ständig den
Besitzer, die ebenfalls fallen.
Paul Bäumer wird bei einem
Artillerieangriff der Franzosen zuerst auf einen Friedhof, dann in einen
Granattrichter getrieben. Hier ersticht er einen Franzosen und erkennt, daß er nicht den Feind, sondern den Menschen Duval getöt hat.
Mit französichen
Mädchen "tauschen" die jungen Soldaten Brot und Wurst gegen
"Liebe". Kurz darauf wird Paul verletzt und kommt in ein Lazarett.
Als einziger schafft er es, aus dem Sterbezimmer wieder herauszukommen. Auf
Heimaturlaub besucht er seine Familie und stellt fest, daß
er mit ihr und seinem alten Lehrer nichts mehr gemein hat. Wieder an der Front,
stößt er auf noch jüngere Soldaten, die als Kanonenfutter in den Kampf
geschickt werden.
Bei einem 'Spaziergang' mit Kat wird
dieser verwundet und stirbt bald darauf.
Paul beobachtet während einer Feuerpause
einen Schmetterling und greift nach ihm. Dabei wird er von einem Franzosen
erschossen. Der Heeresbericht meldet, von der Westfront sein nicht Neues zu
berichten.

Im August 1929 fuhr der Chef der
amerikanischen Filmgesellschaft UNIVERSAL INTERNATIONAL PICTURES, der gebürtige
Schwabe Carl Laemmle, wie jedes Jahr einmal in seine alte Heimat nach
Deutschland, um dort einen geeigneten Stoff für eine Verfilmung zu suchen. In
diesem Jahr war er von dem Literaturagenten Otto Klement auf den sensationellen
Erfolg des ersten deutschen Bestsellers eines bis dahin vollkommen unbekannten
Autors hingewiesen worden. Der Roman Im Westen nichts Neues von
Erich Maria Remarque war nach dem Vorabdruck im November und Dezember 1928 in
der Vossischen Zeitung im Januar 1929 erstmals als
Buchausgabe erschienen und hatte sich bis Ende des Jahres in über 50 Auflagen
900.000 mal verkauft. Bis Mitte 1930 stieg die Zahl der in Deutschland
verkauften Exemplare auf über eine Million und Ende 1930 war das Buch in 12
Sprachen übersetzt und weltweit über 3,5 Millionen Mal verkauft worden. Die
Verhandlungen von Laemmle und Remarque verliefen erfolgreich, und auch der Film
wurde zunächst in den USA und dann weltweit ein Kassenschlager. Nach der
Premiere im April 1930 in New York lief der Film 23 Wochen lang in täglich fünf
Vorstellungen im „Central Theatre“. „Nach fast einem
halben Jahr (!) [wurde er] in den Spielplan des ‘Roxy Theatre’
übernommen, in die ‘Kathedrale des Films’, mit 6200 Plätzen größtes Kino der
Welt“ . Produzent des Films war Carl Laemmle sen., die
Produktionsleitung übernahm Carl Laemmle jun., als Regisseur wurde der
35jährige, in Rußland geborene Lewis Milestone
verpflichtet. Für die Hauptrolle versuchte Laemmle Erich Maria Remarque zu
gewinnen, der jedoch ablehnte, u.a. weil er sich für die Rolle des Paul Bäumers
zu alt fühlte. Schließlich wurde nach umfangreichen Vorauswahlen der 1908
geborene Lew Ayres engagiert, der bis dahin keine
größeren Rollen gespielt hatte und auf keinen „Typ“ und kein Genre festgelegt
war. Der gutaussehende, sensible und vor allem unbekannte Ayres
eignete sich hervorragend als Darsteller eines Jedermanns, des „unbekannten
Soldaten“, in dessen Schicksal sich Generationen von jungen Männern
hineinversetzen konnten. Für die Rolle der Mutter wurde in der Stummfilmversion
zunächst ZaSu Pitts eingestellt, deren Darstellung
rief beim Publikum jedoch nur Gelächter hervor, da sie als Komödienstar bekannt
war. Alle Szenen mit der Mutter wurden für die Tonversion mit Beryl Mercer noch einmal aufgenommen. Gedreht wurde in
Hollywood. Auf dem Gelände von UNIVERSAL INTERNATIONAL PICTURES entstand der
Nachbau eines deutschen Kasernenhofes und in der nahen Umgebung von Hollywood
wurde ein riesiges Ackerland in ein Schlachtfeld umgewandelt, mit „original“
Schützengräben und Bombentrichtern. Eingesetzt wurden 150 Statisten und die
Schauspieler mußten sich, als wären sie wirklich
Rekruten, einem militärischen Drill unterwerfen.
Als Laemmle mit dem unterschriebenen
Vertrag in New York ankam, wurde er von Reportern auf die kontroverse
Diskussion um das Buch Im Westen nichts Neues im Deutschen Reich
angesprochen. Auf die Frage, ob denn nicht auch der Film eine solche
Kontroverse auslösen könnte antwortete Laemmle selbstbewußt:
Der Film Im Westen nichts Neues
wurde ein großer Film. Er ist der Anti-Kriegsfilm und wirkt bis heute für das
Genre stilbildend. Die Chronologie von Einzug oder freiwilliger Meldung der
Rekruten, deren Ausbildung und anschließendem Kriegseinsatz, evtl. unterbrochen
von Aufenthalten an der Heimatfront, gilt auch noch in den 80er und 90er Jahren
für den Aufbau von Anti-Kriegsfilmen. So folgt u.a. Peter Weir 1981 diesem
Schema mit seinem Film Gallipoli über
den Einsatz australischer und neuseeländischer Soldaten im Ersten Weltkrieg.
Einerseits ist es der herausragenden Regieleistung von Lewis Milestone zu
verdanken, der eine künstlerisch innovative, eindrucksvolle und trotzdem
authentische Verfilmung von Remarques gleichnamigen Roman realisierte, daß Im Westen nichts Neues zu einem Filmklassiker
wurde. Der Film gewann zwei academy awards (Oskars), als bester Film des Jahres und für die
beste Regie. Mit der neu entwickelten Filmtechnologie, dem Tonfilm und
beweglichen Kameras realisiert, schuf Milestone noch nicht dagewesene
eindrückliche Bilder vom Krieg. Das Publikum wurde durch Kamerafahrten über
Schützengräben und Schlachtfelder, durch das ohrenbetäubende Geheul der
Granaten und das Donnern der Bombeneinschläge, durch die wohl kalkuliert
eingesetzte Musik derart von der Geschichte des Schüler-Rekruten Paul Bäumer
und seiner Freunde gebannt, daß viele das Gesehene
als überaus authentisch und realitätsgetreu auffaßten.
Der American
(New York) berichtete, daß der Film vor einem
Publikum gezeigt wurde, das „durch die erstaunliche Kraft eines sachlichen,
schrecklichen Dramas gebannt war“. Die New York Times stimmte zu, daß die Zuschauer vor den „realistischen Szenen
verstummten“. „Es ist der bei weitem beste Spielfilm, der je gedreht wurde...
ob Ton- oder Stummfilm“, stellte der Telegraph (New York) fest. Im Westen
nichts Neues prägte die Vorstellungen vom Ersten Weltkrieg, wie auch schon
sein amerikanischer Vorläufer The Big Parade von King Vidor (1925) oder der ebenfalls 1930 gedrehte deutsche Film
Westfront 1918 von G.W. Pabst (1930). Diese
Filme, und allen voran die technisch herausragende Remarque-Verfilmung, prägen
bis heute die Vorstellungen, die wir uns von diesem Krieg machen.
Remarque und
Milestone wurden häufig gefragt, wie sie so genaue Bilder vom Krieg entwerfen
konnten, obwohl sie selbst nur kurz oder gar nicht an diesem oder einem anderen
Krieg teilgenommen hatten. Im Auftrag seines Verlages, der ihn als „unbekannten
Soldaten“ des Ersten Weltkrieges vermarktete, mußte
Remarque zunächst die Tatsache verschweigen, daß er
nach seiner Verlegung an die Westfront Mitte Juni zwar sechs Wochen an der
Artillerievorbereitung beteiligt war und aber schon an den ersten Tagen seines
Fronteinsatzes, am 31. Juli 1917, in Belgien verwundet wurde. Den Rest des
Krieges verbrachte er in einem Lazarett in Duisburg. Doch neben seiner kurzen
Kriegsteilnahme hat Remarque im Lazarett Verwundete nach ihren Erlebnissen
gefragt und Briefe an seine Kriegskameraden geschrieben, um zu erfahren, wie
das Leben an der Front in den letzten Kriegsjahren sei. Milestone dagegen gab
als Erfahrungshintergrund seine Tätigkeit bei der Photographie-Abteilung der
U.S. Army an. 1917, als die USA in den Krieg
eintraten, hatte er sich für diese Tätigkeit gemeldet und arbeitete u.a. in den
Filmlabors am War College in Washington, D.C. Später sagte er in einem
Interview: „Ich [hatte] Tausende Meter aktueller Kriegsbilder untersucht, ich wußte genau, wie es aussehen mußte.“
Zudem hat Milestone sich für die Filmarbeiten einen Stab an Beratern, u.a.
ehemalige deutsche Militärs, geholt, die ihn in allen Details berieten, vom
Wechsel von der Pickelhaube zum praktischeren Stahlhelm, der richtigen
Verwendung von Rangabzeichen bis hin zu militärisch korrekten Bewegungsabläufen
beim Grüßen. 1914-18 war es unmöglich, Filmaufnahmen von den Kämpfen an der Front
zu machen, die Kameras waren noch zu groß und zu schwer und die Filmteams mit
ihnen zu unbeweglich. Es gibt daher von der Front des Ersten Weltkriegs nur
Photographien, wenn überhaupt, da die Militärzensur keine Aufnahmen von der
vielleicht zu erschreckenden Realität wünschte und außerdem in ständiger Angst
vor feindlicher Spionage war. Filmaufnahmen wurden lediglich im Hinterland, von
den Feldlazaretten, Feldküchen, den Nachschub-, Verletzten- und
Versorgungstransporten gemacht. Die Aufnahmen der Kampfszenen aus Im Westen
nichts Neues wurden daher später häufig für sogenannte Kompilationsfilme
über den Ersten Weltkrieg verwandt, also in Berichten mit Dokumentarcharakter,
und trugen auch auf diese Art dazu bei, unser Bild von diesem Krieg zu prägen.
Andererseits wurde Im Westen nichts
Neues nicht nur durch seinen kommerziellen Erfolg und seine filmische
Brillanz zu dem Anti-Kriegsfilm schlechthin. Der Film war seit seiner
Entstehung Gegenstand zahlreicher Zensurmaßnahmen, angefangen von der Vorzensur
des gerade gedrehten Materials durch die freiwillige amerikanische Filmzensur,
über die weitere Beschneidung des Filmes für die verschiedenen Spielländer,
insbesondere des deutschen Marktes, bis hin zu unzähligen veränderten und
gekürzten Fassungen im Laufe der folgenden Jahrzehnte.
Die von
Milestone gedrehte Originalfassung war 150 Minuten lang, für die amerikanischen
Kinos wurde jedoch eine Version mit 140 Minuten freigegeben. Die „fehlenden“ 10
Minuten fielen der amerikanischen Zensurbehörde, der MOTION PICTURES
ASSOCIATION OF AMERICA zum Opfer (bzw. deren Vorläufer, da die MPAA, das
sogenannte Hays-Office erst ab 1932 offiziell in Erscheinung trat). Die MPAA
war ein freiwilliger Zusammenschluß der
amerikanischen Filmindustrie mit Diktionsanspruch und
-recht. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, erstens den Geschmack des
(amerikanischen) Volkes zu wahren, also moralischen oder religiösen
Auffassungen „der Amerikaner“ zu entsprechen, und zweitens als diplomatischer
Puffer zu agieren und so als „Marktanalyseinstrument“, den Erfolg oder Mißerfolg eines Filmes vorhersehen zu können.Im
Falle der Verfilmung von Im Westen nichts Neues nimmt die MPAA die
politischen und moralischen Angriffe auf die UNIVERSAL-Studios nach der
Freigabe des Filmes vorweg. Was den ersten, noch während der Entstehung des Film vorgenommenen Kürzungen zum Opfer fiel, ist nicht
bekannt. Für die deutsche Synchronfassung schnitt UNIVERSAL INTERNATIONAL
PICTURES freiwillig einige Szenen heraus, von denen angenommen wurde, daß die deutsche Filmzensur, die Film-Oberprüfstelle in
Berlin, sie beanstanden würde. Geschnitten wurden u.a. Szenen, in denen die
Rekruten ihren Vorgesetzten, den sadistischen Unteroffizier Himmelstoß
verprügeln, Teile des Gesprächs, in dem die Soldaten dem Kaiser die Schuld am
Krieg geben und die Weitergabe der Stiefel eines toten Kameraden, in denen dann
eine ganze Reihe von Soldaten stirbt. Schon während der Dreharbeiten wurden vom
deutschen Konsul von Henting in Los Angeles und
später von der Film-Oberprüfstelle in Berlin die sogenannten Schleiferszenen bemängelt.
Der Film
passierte am 21.11.1930 die deutsche Filmzensur und erhielt die
Aufführgenehmigung. Öffentlich lief Im Westen nichts Neues in
Deutschland erstmals am 05.12.1930 im Mozart-Saal am Berliner Nollendorfplatz.
Sechs Tage später, am 11.12.1930 wurde er verboten. Während der ersten
Vorstellungen kam es zu Schlägereien, es wurden Stinkbomben gezündet und weiße
Mäuse losgelassen, doch dies waren nicht spontane Unmutbekundungen
einer allgemeinen, durch den Film in Aufruhr versetzten Öffentlichkeit, sondern
gezielte Störmaßnahmen der Nationalsozialisten mit dem Ziel, die Vorführung von
Im Westen nichts Neues zu verhindern. Am 07, 08. und 09.12.1930
demonstrierten ca. 6.000 Nationalsozialisten auf dem Nollendorfplatz und
Goebbels hielt eine Rede gegen den Film. Der Antrag auf Widerruf der erst Ende
November erteilten Aufführungserlaubnis wurde mit der Begründung gestellt, daß der Film das deutsche Ansehen und die öffentliche
Ordnung gefährde und er eine entsittlichende und verrohende Wirkung habe.
Antragsteller waren die Regierungen von Sachsen, Thüringen, Braunschweig,
Bayern und Württemberg, alles Länder, in denen der Film zum Zeitpunkt der
Antragstellung noch nicht gelaufen war. Doch zunächst kam es in Berlin am
10.12.1930 zu einem Verbot der Proteste durch den Innenminister Severing und den Polizeipräsidenten Grzesinski.
In einer Debatte im preußischen Landtag vom 11.12.1930, also dem gleichen Tag,
als das Verbot erlassen wurde, befürwortete die Berliner Regierung die
Aufführung des Filmes und erklärte, daß weder die
deutsche noch die amerikanische Fassung eine anti-deutsche Hetze darstellten.
Gegner und Befürworter des Films standen sich gegenüber, die politische Rechte
aus national Gesinnten und Nationalsozialisten auf der einen Seite, auf der
anderen Seite Liberale und die politische Linke (trotzdem vor allem die
Kommunisten in der Remarque-Verfilmung wie auch im Buch das klassenbewußte
Moment vermißten). Die Produktionsfirma UNIVERSAL
INTERNATIONAL PICTURES ließ während der Verhandlung der Film-Oberprüstelle erklären, daß sie
den Film unabhängig von deren Entscheidung aus Deutschland zurückziehen würde.
Diese Erklärung war der Versuch, den deutschen Markt, der für UNIVERSAL der
größte in Europa darstellte, nicht zu verlieren. In der Begründung des Verbots
von Im Westen nichts Neues heißt es:
Zentral bei der Entscheidungsfindung war
die Tatsache, daß der Film einmal in einer
amerikanischen Fassung und dann in einer „für den deutschen Gebrauch zurechtgestutzten“
Fassung existierte. Jürgen Labenski, der 1984 eine
Rekonstruktion der amerikanischen Originalfassung im Auftrag des ZWEITEN
DEUTSCHEN FERNSEHEN anfertigte, nennt als Kürzung für die deutschen
Vorführungen außerdem den Schnitt des gesamten Vorspanns, in dem zahlreiche
Namen jüdischer Mitarbeiter genannte werden. Der Filmwissenschaftler
Werner Skrentny geht von der Kürzung von zwei
weiteren Szenen für den deutschen Markt aus: Das Gespräch der
Stammtisch-Strategen, die besser als die Soldaten an der Front wissen, wie der
Krieg zu gewinnen sei, und die Verweigerung der Ehrbezeugung, als Paul Bäumer
in der Klasse seines ehemaligen Lehrers vom heldenhaften Sterben an der Front
berichten soll.
Die
Entscheidung der Film-Oberprüfstelle wurde von der politischen Linken
kritisiert und Ende 1931 konnte eine zeitweilige Aufhebung des Verbots erreicht
werden. Die Bedingung zur Wiederzulassung, zu der UNIVERSAL INTERNATIONAL
PICTURES sich bereit erklärte, war, drei weitere Szenen herauszunehmen:
Himmelstoß’ Feigheit an der Front, Pauls Panik während des Angriffs auf dem
Friedhof und sein Schuldbewußtsein nach der Tötung
des französischen Soldaten Duval. In ihrem Wunsch, Deutschland nicht als
wichtiges Exportland zu verlieren, stimmte UNIVERSAL INTERNATIONAL PICTURES
sogar zu, nur noch den massiv gekürzten Film für die Aufführungen in allen
Exportländern zu vergeben. Die Zuschauer in vielen Ländern sahen also nicht
Milestones Film von 1930, sondern das Produkt nationalsozialistischer
Propaganda und deutscher Zensoren von 1931. Das Verbot von Im Westen nichts
Neues setzte schon Jahre vor der „Machtergreifung“ ein weltweit Aufsehen
erregendes Zeichen der Niederlage der Weimarer Demokratie gegenüber dem
Nationalsozialismus.
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»Filmzensur in der Weimarer Republik. Zum Verbot des Remarque-Films Im
Westen nichts Neues. Eine Fallanalyse im Geschichtsunterricht der
gymnasialen Oberstufe«. Erich Maria Remarque Jahrbuch/Yearbook
3 (1993), 73–82.
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Wilfried Schnabel. Die mediale Verarbeitung
von Geschichte als Gegenstand öffentlicher Kontroversen. Die Auseinandersetzung
um die Verfilmung des Romans »Im Westen nichts Neues« von Erich Maria Remarque
(Regie: L. Milestone) während der Endphase der Weimarer Republik. Eine
Unterrichtsreihe in einem Leistungskurs der Jahrgangsstufe 12. Gummersbach:
Studienseminar für das Lehramt für die Sekundarstufe II [Schriftliche
Hausarbeit], 1999, [masch.] ca. 130 pp.
·
Wilfried Schnabel. »Die Romanverfilmung Im
Westen nichts Neues. Eine Unterrichtseinheit in der Sekundarstufe II mit
einem Archivbesuch zur Erarbeitung der Hintergründe und Motive des von den
Nationalsozialisten 1930 provozierten Filmskandals«. Erich Maria Remarque
Jahrbuch/Yearbook 10 (2000), 76–105.
·
Peter Dörp.
»Medien: spezial – Erich Maria Remarque: ›Im Westen
nichts Neues‹ (Teil 2). Goebbels und Bronnen. Dokumente zum Kinoskandal im
Dezember 1930«. Deutschunterricht 56 (2003), 6, 40–46.
·
Karolina Dybalska. »Der Übersetzer als Zensor. Zur Filmzensur in Deutschland und ihrer Einflussnahme
auf das Übersetzungsgeschehen
am Beispiel der Remarque-Verfilmung ›Im Westen nichts Neues‹«. Convivium
(2005), 107–139.
·
Michael Kopetzky-Tutschek. Die Debatte über den Film »Im Westen nichts Neues«
1930/31 in Österreich. München: GRIN [Seminararbeit, Internetveröffentlichung], 2007, 40
pp.
·
Peter Dörp. »Berliner Mauerbau stoppt Filmvorführung von Im Westen nichts Neues
im Grenzkino ›City‹ am Checkpoint Charlie«. Erich Maria Remarque-Jahrbuch/Yearbook 18 (2008),
33–50.
·
David Imhoof. »Culture Wars and the
Local Screen. The Reception
of Westfront 1918 and All Quiet on
the Western Front in one German city«. Peter C.
Rollins, John E. O’Connor (eds.).
Why We Fought. America’s Wars in Film and History.
Lexington/KY: University Press
of Kentucky, 2008, 175–195.
Luxembourg
·
Paul
Lesch. »›Rien dans ce
film n’est de nature à choquer
les sentiments de quiconque est
adversaire de la guerre, de ses
horreurs, de sa barbarie et de son retour‹. La réception
au Luxembourg des adaptations cinématographiques
de Im Westen nichts Neues et de Der Weg zurück au cours des années 30«. Erich Maria Remarque Jahrbuch/Yearbook 14 (2004), 10–33.
Spanien/Spain
·
Susana Cañuelo Sarríon. Sin novedad en el frente.
Recepcíon
en España de la novela de
Erich Maria Remarque y de la película
de Lewis Milestone. Barcelona
[Magisterarbeit], 2000, [masch.]
53 + 36 pp.
·
Susana Cañuelo Sarríon. »Die Rezeption von Im Westen nichts Neues
und All Quiet on
the Western Front in Spanien«. Erich Maria Remarque Jahrbuch/Yearbook 11
(2001), 47–70.