All Quiet on the Western FrontKurz
nach dem Erscheinen von Im
Westen nichts Neues begann unter der Regie von Lewis Milestone,
der 1948 auch Arc de Triomphe
inszenieren sollte, in den USA die Verfilmung des Erfolgbuches. Die Hauptrolle
des Bäumer wurde von Lew Ayres gespielt. Hier ist das französische Filmplakat
von 1930 abgebildet.
Am
11. Dezember 1930, nicht einmal eine Woche nach der deutschen Erstaufführung,
verbot die Film-Oberprüfstelle Berlin alle weiteren Aufführungen von Im
Westen nichts Neues für ganz Deutschland. Das Protokoll der Verhandlung,
die zum Verbote des Filmes führte, hat das Deutsche
Institut für Filmkunde Frankfurt im Internet publiziert. Auf seinen
Seiten wird außerdem die Geschichte der Filmzensur der Weimarer Republik und
der frühen Nationalsozialistischen Diktatur erläutert und es können zahlreiche
weitere Zensurgutachten nachgelesen werden.
All Quiet on the Western Front
(Im Westen nichts Neues)
nach Erich Maria Remarques Roman Im
Westen nichts Neues (1928/29)
USA
1930; Universal Pictures
Originallänge: 140 Min., schwarz/weiß mit teilweise eingefärbtem
Filmmaterial
(Es wurde auch eine etwas längere stumme Version mit Zwischentiteln
angefertigt)
Regie: Lewis Milestone; Dialogregie: George Cukor; Produktion:
Carl Laemmle jr.; Buch: Maxwell Anderson, George Abbott, Del Andrews,
Lewis Milestone; Kamera: Arthur Edeson; Schnitt: Edgar Adams,
Milton Carruth; Musik: David Brockman
Darsteller: Lew Ayres (Paul Bäumer), Louis Wolheim (Katczinsky), John
Wray (Himmelstoß), Raymond Griffith (Gerard Duval), George Summerville
(Tjaden), Russell Gleason (Müller), William Bakewell (Albert), Beryl Mercer
(Mutter Bäumer, zunächst wurden die Szenen mit ZaSu Pitts in dieser Rolle
gedreht), Yola d’Avril (Suzanne), Harold Goodwin (Detering), Walter Browne
Rogers (Behm), Owen Davis Jr. (Peter), Scott Kolk (Leer), Ben Alexander
(Kemmerich), Edwin Maxwell (Herr Bäumer), Marion Clayton (Erna), Richard
Alexander (Westhus), Pat Collins (Lt. Bertinck), Arnold Lucy (Kantorek), Bill
Irving (Ginger), Renee Darmonde, Poupee Andriot (französische Mädchen), Edmund
Breese (Herr Meyer), Heinie Conklin (Hammacher), Bertha Mann (Schwester
Libertine), Bodil Rosing (Franz Wachter)
Erstaufführung: Los
Angeles, 20. April 1930
Deutsche Erstaufführung: Berlin, 4. Dezember 1930
Rekonstruktionen:
1. Zweites Deutsches Fernsehen 1984. Redaktion Jürgen Labenski. Länge ca. 135
Min. Erstaufführung: 18. November 1984
2. NL 1. Länge ca. 135 Min. Erstaufführung: 6. November 1993
3. Westdeutscher Rundfunk 1995. Redaktion Walter Maus. Länge 135 Min.
Erstaufführung: 3. Oktober 1995
Von der kollektiven Kriegsbegeisterung angesteckt,
meldet sich eine Abitursklasse geschlossen freiwillig zum Militär. Vom zum
Menschenschinder verwandelten ehemaligen Briefträger Himmelstoß werden sie,
unter ihnen Paul Bäumer, bis zur völligen Erschöpfung während der Ausbildung
schikaniert.
Ein Rotkreuzzug voller Verwundeter am Bahnhof des ersten
Einsatzgebietes, der erste Angriff, der erste Tote unter ihnen, Hunger, Nässe
und Unbequemlichkeiten verdeutlichen ihnen sehr schnell den Ernst des Krieges.
In den erfahrenen Soldaten Katczinsky ("Kat")
und Tjaden finden sie Kameraden, die ihnen überlebenswichtige Ratschläge geben.
Dennoch sterben bereits in den ersten Gefechten einige der jungen Soldaten und
bald ist die Hälfte der Kompanie gefallen.
Der Mitschüler Kemmerich, dem die Beine amputiert
wurden, stirbt im Lazarett. Seine guten Stiefel wechseln ständig den Besitzer,
die ebenfalls fallen.
Paul Bäumer wird bei einem Artillerieangriff der
Franzosen zuerst auf einen Friedhof, dann in einen Granattrichter getrieben.
Hier ersticht er einen Franzosen und erkennt, daß er nicht den Feind, sondern
den Menschen Duval getöt hat.
Mit französichen Mädchen "tauschen" die jungen
Soldaten Brot und Wurst gegen "Liebe". Kurz darauf wird Paul verletzt
und kommt in ein Lazarett. Als einziger schafft er es, aus dem Sterbezimmer
wieder herauszukommen. Auf Heimaturlaub besucht er seine Familie und stellt
fest, daß er mit ihr und seinem alten Lehrer nichts mehr gemein hat. Wieder an
der Front, stößt er auf noch jüngere Soldaten, die als Kanonenfutter in den
Kampf geschickt werden.
Bei einem 'Spaziergang' mit Kat wird dieser verwundet
und stirbt bald darauf.
Paul beobachtet während einer Feuerpause einen
Schmetterling und greift nach ihm. Dabei wird er von einem Franzosen
erschossen. Der Heeresbericht meldet, von der Westfront sein nicht Neues zu
berichten.

Im August 1929 fuhr der Chef der amerikanischen
Filmgesellschaft UNIVERSAL INTERNATIONAL PICTURES, der gebürtige Schwabe Carl
Laemmle, wie jedes Jahr einmal in seine alte Heimat nach Deutschland, um dort
einen geeigneten Stoff für eine Verfilmung zu suchen. In diesem Jahr war er von
dem Literaturagenten Otto Klement auf den sensationellen Erfolg des ersten
deutschen Bestsellers eines bis dahin vollkommen unbekannten Autors hingewiesen
worden. Der Roman Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque
war nach dem Vorabdruck im November und Dezember 1928 in der Vossischen Zeitung
im Januar 1929 erstmals als Buchausgabe erschienen und hatte sich bis Ende des
Jahres in über 50 Auflagen 900.000 mal verkauft. Bis Mitte 1930 stieg die Zahl der
in Deutschland verkauften Exemplare auf über eine Million und Ende 1930 war das
Buch in 12 Sprachen übersetzt und weltweit über 3,5 Millionen Mal verkauft
worden. Die Verhandlungen von Laemmle und Remarque verliefen erfolgreich, und
auch der Film wurde zunächst in den USA und dann weltweit ein Kassenschlager.
Nach der Premiere im April 1929 in New York lief der Film 23 Wochen lang in
täglich fünf Vorstellungen im „Central Theatre“. „Nach fast einem halben Jahr
(!) [wurde er] in den Spielplan des ‘Roxy Theatre’ übernommen, in die
‘Kathedrale des Films’, mit 6200 Plätzen größtes Kino der Welt“ . Produzent des
Films war Carl Laemmle sen., die Produktionsleitung übernahm Carl Laemmle jun.,
als Regisseur wurde der 35jährige, in Rußland geborene Lewis Milestone
verpflichtet. Für die Hauptrolle versuchte Laemmle Erich Maria Remarque zu
gewinnen, der jedoch ablehnte, u.a. weil er sich für die Rolle des Paul Bäumers
zu alt fühlte. Schließlich wurde nach umfangreichen Vorauswahlen der 1908
geborene Lew Ayres engagiert, der bis dahin keine größeren Rollen gespielt
hatte und auf keinen „Typ“ und kein Genre festgelegt war. Der gutaussehende,
sensible und vor allem unbekannte Ayres eignete sich hervorragend als
Darsteller eines Jedermanns, des „unbekannten Soldaten“, in dessen Schicksal
sich Generationen von jungen Männern hineinversetzen konnten. Für die Rolle der
Mutter wurde in der Stummfilmversion zunächst ZaSu Pitts eingestellt, deren
Darstellung rief beim Publikum jedoch nur Gelächter hervor, da sie als Kommödienstar
bekannt war. Alle Szenen mit der Mutter wurden für die Tonversion mit Beryl
Mercer noch einmal aufgenommen. Gedreht wurde in Hollywood. Auf dem Gelände von
UNIVERSAL INTERNATIONAL PICTURES entstand der Nachbau eines deutschen
Kasernenhofes und in der nahen Umgebung von Hollywood wurde ein riesiges
Ackerland in ein Schlachtfeld umgewandelt, mit „original“ Schützengräben und
Bombentrichtern. Eingesetzt wurden 150 Statisten und die Schauspieler mußten
sich, als wären sie wirklich Rekruten, einem militärischen Drill unterwerfen.
Als Laemmle mit dem unterschriebenen Vertrag in New York
ankam, wurde er von Reportern auf die kontroverse Diskussion um das Buch Im
Westen nichts Neues im Deutschen Reich angesprochen. Auf die Frage, ob denn
nicht auch der Film eine solche Kontroverse auslösen könnte antwortete Laemmle
selbstbewußt:
Der Film Im Westen nichts Neues wurde ein großer
Film. Er ist der Anti-Kriegsfilm und wirkt bis heute für das Genre stilbildend.
Die Chronologie von Einzug oder freiwilliger Meldung der Rekruten, deren
Ausbildung und anschließendem Kriegseinsatz, evtl. unterbrochen von
Aufenthalten an der Heimatfront, gilt auch noch in den 80er und 90er Jahren für
den Aufbau von Anti-Kriegsfilmen. So folgt u.a. Peter Weir 1981 diesem Schema
mit seinem Film Gallipoli über den Einsatz australischer und
neuseeländischer Soldaten im Ersten Weltkrieg. Einerseits ist es der
herausragenden Regieleistung von Lewis Milestone zu verdanken, der eine
künstlerisch innovative, eindrucksvolle und trotzdem authentische Verfilmung
von Remarques gleichnamigen Roman realisierte, daß Im Westen nichts Neues
zu einem Filmklassiker wurde. Der Film gewann zwei acadamy awards (Oskars), als
bester Film des Jahres und für die beste Regie. Mit der neu entwickelten
Filmtechnologie, dem Tonfilm und beweglichen Kameras realisiert, schuf
Milestone noch nicht dagewesene eindrückliche Bilder vom Krieg. Das Publikum
wurde durch Kamerafahrten über Schützengräben und Schlachtfelder, durch das
ohrenbetäubende Geheul der Granaten und das Donnern der Bombeneinschläge, durch
die wohl kalkuliert eingesetzte Musik derart von der Geschichte des
Schüler-Rekruten Paul Bäumer und seiner Freunde gebannt, daß viele das Gesehene
als überaus authentisch und realitätsgetreu auffaßten.
Der American (New York)
berichtete, daß der Film vor einem Publikum gezeigt wurde, das „durch die
erstaunliche Kraft eines sachlichen, schrecklichen Dramas gebannt war“. Die New
York Times stimmte zu, daß die Zuschauer vor den „realistischen Szenen
verstummten“. „Es ist der bei weitem beste Spielfilm, der je gedreht wurde...
ob Ton- oder Stummfilm“, stellte der Telegraph (New York) fest. Im Westen
nichts Neues prägte die Vorstellungen vom Ersten Weltkrieg, wie auch schon
sein amerikanischer Vorläufer The Big Parade von King Vidor (1925) oder
der ebenfalls 1930 gedrehte deutsche Film Westfront 1918 von G.W. Pabst
(1930). Diese Filme, und allen voran die technisch herausragende
Remarque-Verfilmung, prägen bis heute die Vorstellungen, die wir uns von diesem
Krieg machen.
Remarque und Milestone wurden
häufig gefragt, wie sie so genaue Bilder vom Krieg entwerfen konnten, obwohl
sie selbst nur kurz oder gar nicht an diesem oder einem anderen Krieg
teilgenommen hatten. Im Auftrag seines Verlages, der ihn als „unbekannten
Soldaten“ des Ersten Weltkrieges vermarktete, mußte Remarque zunächst die
Tatsache verschweigen, daß er nach seiner Verlegung an die Westfront Mitte Juni
zwar sechs Wochen an der Artillerievorbereitung beteiligt war und aber schon an
den ersten Tagen seines Fronteinsatzes, am 31. Juli 1917, in Belgien verwundet
wurde. Den Rest des Krieges verbrachte er in einem Lazarett in Duisburg. Doch
neben seiner kurzen Kriegsteilnahme hat Remarque im Lazarett Verwundete nach
ihren Erlebnissen gefragt und Briefe an seine Kriegskameraden geschrieben, um
zu erfahren, wie das Leben an der Front in den letzten Kriegsjahren sei.
Milestone dagegen gab als Erfahrungshintergrund seine Tätigkeit bei der
Photographie-Abteilung der U.S. Army an. 1917, als die USA in den Krieg
eintraten, hatte er sich für diese Tätigkeit gemeldet und arbeitete u.a. in den
Filmlabors am War College in Washington, D.C. Später sagte er in einem
Interview: „Ich [hatte] Tausende Meter aktueller Kriegsbilder untersucht, ich
wußte genau, wie es aussehen mußte.“ Zudem hat Milestone sich für die
Filmarbeiten einen Stab an Beratern, u.a. ehemalige deutsche Militärs, geholt,
die ihn in allen Details berieten, vom Wechsel von der Pickelhaube zum praktischeren
Stahlhelm, der richtigen Verwendung von Rangabzeichen bis hin zu militärisch
korrekten Bewegungsabläufen beim Grüßen. 1914-18 war es unmöglich,
Filmaufnahmen von den Kämpfen an der Front zu machen, die Kameras waren noch zu
groß und zu schwer und die Filmteams mit ihnen zu unbeweglich. Es gibt daher
von der Front des Ersten Weltkriegs nur Photographien, wenn überhaupt, da die
Militärzensur keine Aufnahmen von der vielleicht zu erschreckenden Realität
wünschte und außerdem in ständiger Angst vor feindlicher Spionage war.
Filmaufnahmen wurden lediglich im Hinterland, von den Feldlazaretten,
Feldküchen, den Nachschub-, Verletzten- und Versorgungstransporten gemacht. Die
Aufnahmen der Kampfszenen aus Im Westen nichts Neues wurden daher später
häufig für sogenannte Kompilationsfilme über den Ersten Weltkrieg verwandt,
also in Berichten mit Dokumentarcharakter, und trugen auch auf diese Art dazu
bei, unser Bild von diesem Krieg zu prägen.
Andererseits wurde Im Westen nichts Neues nicht
nur durch seinen kommerziellen Erfolg und seine filmische Brillanz zu dem
Anti-Kriegsfilm schlechthin. Der Film war seit seiner Entstehung Gegenstand
zahlreicher Zensurmaßnahmen, angefangen von der Vorzensur des gerade gedrehten
Materials durch die freiwillige amerikanische Filmzensur, über die weitere
Beschneidung des Filmes für die verschiedenen Spielländer, insbesondere des
deutschen Marktes, bis hin zu unzähligen veränderten und gekürzten Fassungen im
Laufe der folgenden Jahrzehnte.
Die von Milestone gedrehte
Originalfassung war 150 Minuten lang, für die amerikanischen Kinos wurde jedoch
eine Version mit 140 Minuten freigegeben. Die „fehlenden“ 10 Minuten fielen der
amerikanischen Zensurbehörde, der MOTION PICTURES ASSOCIATION OF AMERICA zum
Opfer (bzw. deren Vorläufer, da die MPAA, das sogenannte Hays-Office erst ab
1932 offiziell in Erscheinung trat). Die MPAA war ein freiwilliger
Zusammenschluß der amerikanischen Filmindustrie mit Diktionsanspruch und
-recht. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, erstens den Geschmack des
(amerikanischen) Volkes zu wahren, also moralischen oder religiösen
Auffassungen „der Amerikaner“ zu entsprechen, und zweitens als diplomatischer
Puffer zu agieren und so als „Marktanalyseinstrument“, den Erfolg oder
Mißerfolg eines Filmes vorhersehen zu können.Im Falle der Verfilmung von Im
Westen nichts Neues nimmt die MPAA die politischen und moralischen Angriffe
auf die UNIVERSAL-Studios nach der Freigabe des Filmes vorweg. Was den ersten,
noch während der Entstehung des Film vorgenommenen Kürzungen zum Opfer fiel,
ist nicht bekannt. Für die deutsche Synchronfassung schnitt UNIVERSAL
INTERNATIONAL PICTURES freiwillig einige Szenen heraus, von denen angenommen
wurde, daß die deutsche Filmzensur, die Film-Oberprüfstelle in Berlin, sie
beanstanden würde. Geschnitten wurden u.a. Szenen, in denen die Rekruten ihren
Vorgesetzten, den sadistischen Unteroffizier Himmelstoß verprügeln, Teile des
Gesprächs, in dem die Soldaten dem Kaiser die Schuld am Krieg geben und die
Weitergabe der Stiefel eines toten Kameraden, in denen dann eine ganze Reihe
von Soldaten stirbt. Schon während der Dreharbeiten wurden vom deutschen Konsul
von Henting in Los Angeles und später von der Film-Oberprüfstelle in Berlin die
sogenannten Schleiferszenen bemängelt.
Der Film passierte am
21.11.1930 die deutsche Filmzensur und erhielt die Aufführgenehmigung.
Öffentlich lief Im Westen nichts Neues in Deutschland erstmals am
05.12.1930 im Mozart-Saal am Berliner Nollendorfplatz. Sechs Tage später, am
11.12.1930 wurde er verboten. Während der ersten Vorstellungen kam es zu
Schlägereien, es wurden Stinkbomben gezündet und weiße Mäuse losgelassen, doch
dies waren nicht spontane Unmutbekundungen einer allgemeinen, durch den Film in
Aufruhr versetzten Öffentlichkeit, sondern gezielte Störmaßnahmen der
Nationalsozialisten mit dem Ziel, die Vorführung von Im Westen nichts Neues
zu verhindern. Am 07, 08. und 09.12.1930 demonstrierten ca. 6.000
Nationalsozialisten auf dem Nollendorfplatz und Goebbels hielt eine Rede gegen
den Film. Der Antrag auf Widerruf der erst Ende November erteilten
Aufführungserlaubnis wurde mit der Begründung gestellt, daß der Film das
deutsche Ansehen und die öffentliche Ordnung gefährde und er eine
entsittlichende und verrohende Wirkung habe. Antragsteller waren die Regierungen
von Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Bayern und Württemberg, alles Länder, in
denen der Film zum Zeitpunkt der Antragstellung noch nicht gelaufen war. Doch
zunächst kam es in Berlin am 10.12.1930 zu einem Verbot der Proteste durch den
Innenminister Severing und den Polizeipräsidenten Grzesinski. In einer Debatte
im preußischen Landtag vom 11.12.1930, also dem gleichen Tag, als das Verbot
erlassen wurde, befürwortete die Berliner Regierung die Aufführung des Filmes
und erklärte, daß weder die deutsche noch die amerikanische Fassung eine
anti-deutsche Hetze darstellten. Gegner und Befürworter des Films standen sich
gegenüber, die politische Rechte aus national Gesinnten und Nationalsozialisten
auf der einen Seite, auf der anderen Seite Liberale und die politische Linke
(trotzdem vor allem die Kommunisten in der Remarque-Verfilmung wie auch im Buch
das klassenbewußte Moment vermißten). Die Produktionsfirma UNIVERSAL
INTERNATIONAL PICTURES ließ während der Verhandlung der Film-Oberprüstelle
erklären, daß sie den Film unabhängig von deren Entscheidung aus Deutschland
zurückziehen würde. Diese Erklärung war der Versuch, den deutschen Markt, der
für UNIVERSAL der größte in Europa darstellte, nicht zu verlieren. In der
Begründung des Verbots von Im Westen nichts Neues heißt es:
Zentral bei der Entscheidungsfindung war die Tatsache,
daß der Film einmal in einer amerikanischen Fassung und dann in einer „für den
deutschen Gebrauch zurechtgestutzten“ Fassung existierte. Jürgen Labenski, der
1984 eine Rekonstruktion der amerikanischen Originalfassung im Auftrag des
ZWEITEN DEUTSCHEN FERNSEHEN anfertigte, nennt als Kürzung für die deutschen
Vorführungen außerdem den Schnitt des gesamten Vorspanns, in dem zahlreiche
Namen jüdischer Mitarbeiter genannte werden. Der Filmwissenschaftler
Werner Skrentny geht von der Kürzung von zwei weiteren Szenen für den deutschen
Markt aus: Das Gespräch der Stammtisch-Strategen, die besser als die Soldaten
an der Front wissen, wie der Krieg zu gewinnen sei, und die Verweigerung der
Ehrbezeugung, als Paul Bäumer in der Klasse seines ehemaligen Lehrers vom
heldenhaften Sterben an der Front berichten soll.
Die Entscheidung der
Film-Oberprüfstelle wurde von der politischen Linken kritisiert und Ende 1931
konnte eine zeitweilige Aufhebung des Verbots erreicht werden. Die Bedingung
zur Wiederzulassung, zu der UNIVERSAL INTERNATIONAL PICTURES sich bereit
erklärte, war, drei weitere Szenen herauszunehmen: Himmelstoß’ Feigheit an der
Front, Pauls Panik während des Angriffs auf dem Friedhof und sein
Schuldbewußtsein nach der Tötung des französischen Soldaten Duval. In ihrem
Wunsch, Deutschland nicht als wichtiges Exportland zu verlieren, stimmte
UNIVERSAL INTERNATIONAL PICTURES sogar zu, nur noch den massiv gekürzten Film
für die Aufführungen in allen Exportländern zu vergeben. Die Zuschauer in
vielen Ländern sahen also nicht Milestones Film von 1930, sondern das Produkt
nationalsozialistischer Propaganda und deutscher Zensoren von 1931. Das Verbot
von Im Westen nichts Neues setzte schon Jahre vor der „Machtergreifung“
ein weltweit Aufsehen erregendes Zeichen der Niederlage der Weimarer Demokratie
gegenüber dem Nationalsozialismus.