Im
Westen nichts Neues
Im Westen nichts Neues
ist der mit Abstand bekannteste und einflußreichste
aller Romane Remarques. Direkt nach seinem Erscheinen bei Ullstein
im Jahre 1928 wurde er zu einem Massenerfolg, wie ihn das deutsche Verlagswesen
noch nicht gesehen hatte. Zugleich wurde er aber auch das Ziel heftigster
Angriffe der Rechten und insbesondere der Nationalsozialisten, die zu der
Verbrennung von Remarques Büchern im Mai 1933 und zu seiner Ausbürgerung 1938
führen sollten.
Die Handlung
dreht sich um die Erlebnisse des jungen Soldaten Bäumer, der sich unter dem Einfluß seines Klassenlehrers im Ersten Weltkrieg direkt
von der Schulbank an die Front meldet. Er erlebt den Tod aller seiner Freunde
und den Zusammenbruch seiner jugendlichen Welt in den
unvorstellbaren Grauen des Schützengrabens. 1930 wurde der Roman von
Lewis Milestone, der auch bei Arc de Triomphe
Regie führen sollte, verfilmt. Der Film Im Westen nichts Neues
wurde zu dem Klassiker unter den Antikriegsfilmen. Hier ist das
Umschlagbild des Romans in der Ullstein-Originalausgabe
abgebildet.
[...] Endlich ist der Augenblick da. Wir
stehen stramm, und der Kaiser erscheint. Wir sind neugierig, wie er aussehen
mag. Er schreitet die Front entlang, und ich bin eigentlich etwas enttäuscht:
nach den Bildern hatte ich ihn mir größer und mächtiger vorgestellt, vor allen
Dingen mit einer donnernden Stimme.
Er verteilt Eiserne Kreuze und spricht diesen und jenen an.
Dann ziehen wir ab.
Nachher unterhalten wir uns. Tjaden sagt staunend: "Das
ist nun der Alleroberste, den es gibt. Davor muß dann
doch jeder strammstehen, jeder überhaupt!" Er überlegt: "Davor muß doch auch Hindenburg strammstehen, was?"
"Jawoll", bestätigt Kat.
Tjaden ist noch nicht fertig. Er denkt eine Zeitlang nach
und fragt: "Muß ein König vor einem Kaiser auch
strammstehen?"
Keiner weiß das genau, aber wir glauben es nicht. Die sind
beide schon so hoch, daß es da sicher kein richtiges
Stammstehen mehr gibt.
"Was du dir für einen Quatsch ausbrütest", sagt
Kat. "Die Hauptsache ist, daß du selber
strammstehst."
Aber Tjaden ist völlig fasziniert. Seine sehr trockene
Phantasie arbeitet sich Blasen.
"Sieh mal", verkündet er, "ich kann einfach
nicht begreifen, daß ein Kaiser auch genauso zur
Latrine muß wie ich."
"Darauf kannst du Gift nehmen", lacht Kropp.
"Verrückt und drei sind sieben", ergänzt Kat,
"du hast Läuse im Schädel, Tjaden, geh du nur selber rasch los zur
Latrine, damit du einen klaren Kopp kriegst und nicht wie ein Wickelkind
redest."
Tjaden verschwindet.
"Eins möchte ich aber doch noch wissen", sagt
Albert, "ob es Krieg gegeben hätte, wenn der Kaiser nein gesagt
hätte."
"Das glaube ich sicher", werfe ich ein, - "er
soll ja sowieso erst gar nicht gewllt haben."
Na, wenn er allein nicht, dann vielleicht doch, wenn so
zwanzig, dreißig Leute in der Welt nein gesagt hätten."
"Das wohl", gebe ich zu, "Aber die haben ja
gerade gewollt."
"Es ist komisch, wenn man sich das überlegt",
fährt Kropp fort, "wir sind doch hier, um unser Vaterland zu verteidigen.
Aber die Franzosen sind doch auch da, um ihr Vaterland zu verteidigen. Wer hat
nun recht?"
"Vielleicht beide", sage ich, ohne es zu glauben.
"Ja, nun", meint Albert, und ich sehe ihm an, daß er mich in die Enge treiben will, "aber unsere
Professoren und Pastöre und Zeitungen sagen, nur wir hätten recht, und das wird
ja hoffentlich auch so sein; - aber die französischen Professoren und Pastöre
und Zeitungen behaupten, nur sie hätten recht, wie steht es denn damit?"
"Das weiß ich nicht", sage ich, "auf jeden
Fall ist Krieg, und jeden Monat kommen mehr Länder dazu."
Tjaden erscheint wieder. Er ist noch immer angeregt und
greift sofort wieder in das Gespräch ein, indem er sich erkundigt, wie
eigentlich ein Krieg entstehe.
"Meistens so, daß ein Land
ein anderes schwer beleidigt", gibt Albert mit einer gewissen
Überlegenheit zur Antwort.
Doch Tjaden stellt sich dickfellig. "Ein Land? Das
verstehe ich nicht. Ein Berg in Deutschland kann doch einen Berg in Frankreich
nicht beleidigen. Oder ein Fluß oder ein Wald oder
ein Weizenfeld."
"Bist du so dämlich oder tust du nur so? knurrt Kropp.
"So meine ich das doch nicht. Ein Volk beleidigt das andere -"
"Dann habe ich hier nichts zu suchen", erwidert
Tjaden, "ich fühle mich nicht beleidigt."
"Dir soll man nun was erklären", sagt Albert
ärgerlich, "auf dich Dorfdeubel kommt es doch
dabei nicht an."
"Dann kann ich ja erst recht nach Hause gehen",
beharrt Tjaden, und alles lacht.
"Ach, Mensch, es ist doch das Volk als Gesamtheit, also
der Staat -", ruft Müller.
"Staat, Staat" - Tjaden schnippt schlau mit den
Fingern -,
"Feldgendarmen, Polizei, Steuer, das ist euer Staat.
wenn du damit zu tun hast, danke schön."
"Das stimmt", sagt Kat, "da hast du zum
ersten Mal etwas Richtiges gesagt, Tjaden, Staat und Heimat, da ist wahrhaftig
ein Unterschied."
"Aber sie gehören doch zusammen", überlegt Kropp,
"eine Heimat ohne Staat gibt es nicht."
"Richtig, aber bedenk doch mal, daß
wir fast alle einfache Leute sind. Und in Frankreich
sind die meisten Menschen doch auch Arbeiter, Handwerker oder kleine Beamte.
Weshalb soll nun wohl ein französischer Schlosser oder Schuhmacher uns
angreifen wollen? Nein, das sind nur die Regierungen. Ich habe nie einen
Franzosen gesehen, bevor ich hierherkam, und den meisten Franzosen wird es
ähnlich mit uns gehen. Die sind ebensowenig gefragt
wie wir."
"Weshalb ist dann überhaupt Kreig?"
fragt Tjaden.
Kat zuckt die Achseln. "Es muß
Leute geben, denen der Krieg nützt."
"Na, ich gehöre nicht dazu", grinst Tjaden.
"Du nicht, und keiner hier."
"Wer denn nur?" beharrt Tjaden. "Dem Kaiser
nützt er doch auch nicht. Der hat doch alles, was er braucht."
"Das sag nicht", entgegenet
Kat, "einen Krieg hat er bis jetzt noch nicht gehabt. Und jeder größere
Kaiser braucht mindestens einen Krieg, sonst wird er nicht berühmt. Sieh mal in
deinen Schulbüchern nach."
"Generäle werden auch berühmt durch den Krieg",
sagt Detering.
"Noch berühmter als Kaiser", bestätigt Kat.
"Sicher stecken andere Leute, die am Krieg verdienen
wollen dahinter", brummt Detering.
"Ich glaube, es ist mehr eine Art Fieber", sagt
Albert. "Keiner will es eigentlich, und mit einem Male ist es da. Wir
haben den Krieg nicht gewollt, die andern behaupten dasselbe - und trotzdem ist
die halbe Welt fest dabei."
"Drübern wird aber mehr
gelogen als bei uns", erwidere ich, "Denkt mal an die Flugblätter der
Gefangenen, in denen stand, daß wir belgische Kinder
fräßen. Die Kerle, die so was schreiben, sollten sie aufhängen. Das sind die
wahren Schuldigen."
Müller steht auf. "Besser auf jeden Fall, der Krieg ist
hier als in Deutschland. Seht euch mal die Trichterfelder an!"
"Das stimmt", pflichtet selbst Tjaden bei,
"aber noch besser ist gar kein Krieg."
Er geht stolz davon, denn er hat es uns Einjährigen nun mal
gegeben. Und seine Meinung ist tatsächlich typisch hier, man begegnet ihr immer
wieder und kann auch nichts Rechtes darauf entgegnen, weil mit ihr gleichzeitig
das Verständnis für andere Zusammenhänge aufhört. Das Nationalgefühlt des Muskoten besteht darin, daß er hier ist. Aber damit ist es auch schon zu Ende,
alles andere beurteilt er praktisch und aus seiner Einstellung heraus.
Albert legt sich ärgerlich ins Gras. "Besser ist, über
den ganzen Kram nicht zu reden."
"Wird ja auch nicht anders dadurch", bestätigt
Kat.
(aus:
Erich Maria Remarque. Im Westen nichts Neues. Mit Materialien und einem
Nachwort von Tilman Westphalen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1998, 138-142)
Paul Bäumer gehört zu einer Gruppe von
Soldaten an der Westfront im Ersten Weltkrieg. In der Ruhestellung hinter der
Front erinnert er sich zurück an seine Schulzeit. Die patriotischen Reden
seines Lehrers Kantorek hatten die ganze Klasse
überzeugt, sich freiwillig zu melden.
Unter
dem Drill ihres Ausbilders Unteroffizier Himmelstoß mußten
sie bereits in der Grundausbildung lernen, daß alle
ihnen bislang in der Schule vermittelten Werte auf dem Kasernenhof ihre
Gültigkeit verlieren.
Sie
wurden an die Westfront verlegt, wo sie von einer Gruppe alter Frontsoldaten um
den erfahrenen Katczinsky in die Gefahren an der
Front eingewiesen wurden. Zwischen "Kat" und Bäumer hat sich ein
Vater-Sohn ähnliches Verhältnis entwickelt. Paul lernt, zu überleben, die
verschiedenen Geschosse schon am Klang zu unterscheiden, auch unter widrigsten
Bedingungen etwas zu essen zu finden, und sich gegen den wirklichen Feind zu
wehren - den Tod.
Bei
einem kurzen Heimataufenthalt stellt Bäumer fest, wie sehr ihn die Erlebnisse
an der Front verändert haben. Es ist ihm unmöglich, seiner Familie die
grausamen Erfahrungen aus dem Schützengraben mitzuteilen. Enttäuscht kehrt er
zurück zu den Menschen, die ihm nun am nächsten sind, seinen Kameraden an der
Front.
Bei
einem Angriff wird er durch Splitter verwundet und verbringt ein paar Wochen im
Lazarett. In den nächsten Monaten zurück an der Front zerfällt Bäumers Gruppe.
Einer nach dem anderen stirbt durch die Gas- und Granatenangriffe, im
Trommelfeuer oder im Kampf Mann gegen Mann. Bis zuletzt auch er, nachdem er
Verwundung und Wochen im Lazarett überlebt hat, als letzter seiner Gruppe kurz
vor Ende des Krieges tödlich getroffen wird, "an einem Tag, der so ruhig
und so still war, daß der Heeresbericht sich auf den
Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden."
Bereits Ende 1917 plante Erich Maria
Remarque einen Roman über seine Kriegserlebnisse. Aus dem Duisburger St.
Vinzenz-Hospital, in das er nach seiner Verwundung durch Granatsplitter am 31.
Juli 1917, dem ersten Tag der 2. Somme-Schlacht,
eingeliefert worden war, bat er seinen an der Front verbliebenen Schul- und
Kriegskameraden Georg Middendorf um Nachrichten von
den Frontereignissen, um sie in seinem geplanten „Roman“ zu verwenden. Aus
dieser Zeit bis in die Mitte der 20er Jahre könnten die wenigen Manuskriptseiten erhalten geblieben
sein, die eine Episode aus dem Krieg darstellen und in der für den „frühen“
Remarque typischen, deutlich lesbaren Tintenhandschrift geschrieben wurden. Aus
bis heute unbekannten Gründen verfolgte Remarque seinen Plan, einen Kriegsroman
zu verfassen, in den folgenden Jahren nicht mehr. Es kann nur vermutet werden, daß der Tod seines Osnabrücker geistigen Mentors und
Freundes, Friedrich Hörstemeier, im September 1918
ihn dazu bewog, sich von nun an dessen Themen anzunehmen, wie Remarques erster
Roman, Die Traumbude (1920), zeigt. Erst im Herbst 1927 erfolgte die Rückkehr
zum Kriegsthema. Die Informationen zum Anlaß, zum
Zeitpunkt der Entstehung und zur Dauer der Niederschrift von Im Westen
nichts Neues sind äußerst widersprüchlich. Nach dem Erfolg des Buches ab
1928 äußerten sich zahlreiche Personen, darunter der Autor selbst, mit verschiedenen
Versionen zur Entstehung des Textes. Die Legende um die Entstehung des Textes
entstand: Im Westen nichts Neues sei im Herbst 1927 oder Anfang 1928
abends nach Büroschluß (Remarque arbeitete seit 1925
als verantwortlicher Redakteur für die Berliner Illustrierte Sport im Bild)
innerhalb von nur sechs Wochen ohne Korrekturen entstanden. Der polnische
Journalist und Übersetzer von Im Westen nichts Neues ins Polnische,
Stefan Napierski, berichtete in einem Artikel über
den Autor und sein Buch gar von einem Manuskript ohne jegliche Korrekturen, das
Remarque ihm bei einem Besuch gezeigt habe. Das jetzt bekannt gewordene
Manuskript von Im Westen nichts Neues verdeutlicht und dokumentiert
jedoch eine ganz andere Entstehungsgeschichte, die auch von den anderen Materialien,
die zu Im Westen nichts Neues erhalten geblieben sind, bestätigt wird.
Danach plante Remarque zunächst eine chronologische Darstellung der
Kriegserlebnisse von Paul Bäumer, die starke autobiographische Züge tragen
sollte. Erst im weiteren Verlauf der Entstehung änderte der Autor die
Konzeption seines Textes in die heute bekannte Form, die Rückblenden enthält
und nur noch wenige autobiographische Momente aufweist, die in die fiktionale
Handlung integriert worden sind. Ein im Nachlaß des
Autors erhalten gebliebener Plan verdeutlicht zudem, daß
sich der Autor sehr bewußt mit der Konzeption seines
Textes auseinandergesetzt hatte, bis hin zu Überlegungen, wie lang ein Kapitel
oder Textabschnitt sein durfte, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Remarques
literarische Zielsetzung lief jetzt, zum Jahreswechsel 1927/28, auf die
Konzeption einer Trilogie hinaus, deren erster Teil, Im Westen nichts Neues,
die Kriegserlebnisse der „verlorenen Generation“ Paul Bäumers darstellen und
damit die Grundlagen für die späteren Schwierigkeiten dieser Generation in der
Nachkriegszeit verdeutlichen sollte. Der zweite und dritte Teil der Trilogie
sollten die unmittelbare Nachkriegszeit umfassen, die Schwierigkeiten der noch
jungen Soldaten, sich in der zivilen Gesellschaft zurechtzufinden und sich zu
integrieren. Remarque verwirklichte diese Konzeption schließlich in dem Roman
Der Weg zurück, den Remarque noch vor der Publikation von Im Westen nichts
Neues begann und der im Dezember 1930 erstmals als Vorabdruck in der Vossischen Zeitung erschien. Die Entstehung von Im
Westen nichts Neues war im Frühjahr 1928 abgeschlossen. Remarque hatte eine
Sekretärin beschäftigt, um sein stark korrigiertes Manuskript abzuschreiben.
Mit diesem Typoskript von Im Westen nichts Neues wandte er sich an die
Verleger.
Zunächst bot Remarque Im Westen nichts
Neues dem renommiertesten Verleger für Literatur in der Weimarer Republik,
Samuel Fischer, an. Fischer erkannte zwar die literarische Qualität des Textes,
lehnte ihn jedoch mit der Begründung ab, gegenwärtig - im Frühjahr 1928 - wolle
niemand mehr etwas über den I. Weltkrieg lesen. Wie Fischer später selbst
zugab, eine der schwerwiegendsten Fehlentscheidungen seiner Verlegerkarriere.
Über einen Freund Remarques gelangte das Typoskript in das Haus Ullstein, wo der Text auf Empfehlung von leitenden
Mitarbeitern des Konzerns schließlich angenommen wurde. Am 29. August 1928
erfolgte die Vertragsunterzeichnung. Aber auch Ullstein
war sich des Erfolges von Kriegsliteratur und insbesondere der vorliegenden
Textfassung von Im Westen nichts Neues nicht sicher. Der Vertrag mit
Remarque enthielt eine Klausel, nach der der Autor im Falle des Mißerfolges den vereinbarten und gezahlten Vorschuß als Journalist für die Ullstein-Blätter
abzuarbeiten hatte. Ullstein sicherte sich nach allen
Seiten ab. Er gab hektographierte Exemplare des Textes zur Begutachtung an
Mitarbeiter des Hauses, die selbst ehemalige Kriegsteilnehmer waren. Aufgrund
dieser zwar im Tenor positiven, im Detail jedoch kritischen Gutachten wurde
Remarque noch im August oder September 1928 aufgefordert, seinen Text
grundlegend zu überarbeiten, vor allem im Hinblick auf eine Entschärfung der
kriegskritischen Aussagen, die diese frühe Fassung des Romans noch enthält. Das
im New Yorker Nachlaß des Autors verwahrte Typoskript
mit handschriftlichen Korrekturen gibt ein eindrucksvolles Zeugnis von dieser
Arbeit. Jetzt, im Herbst 1928, entstand die endgültige Fassung von Im Westen
nichts Neues. Am 8. November 1928, einen Tag vor dem zehnten Jahrestag des
Waffenstillstandes und am 14. Jahrestag des von Legenden umwobenen Angriffs von
Langemarck, veröffentlichte die Vossische
Zeitung, die zum Ullstein-Konzern gehörte, eine
Ankündigung des Vorabdrucks von Im Westen nichts Neues. Remarque wird
hier als einfacher Soldat geschildert, ohne jegliche literarische Erfahrung,
der seine eigenen Kriegserfahrungen niedergeschrieben habe, um sich vom Trauma
des Kriegserlebnisses zu befreien. Die Vossische
Zeitung fühle sich „verpflichtet“, diesen „authentischen“, tendenzlosen und
damit „wahren“ dokumentarischen Bericht (von Roman ist nicht mehr die Rede)
über den Krieg zu veröffentlichen. Die Legende um die Entstehung des Textes war
geboren.
Am 10. November 1928 begann der
Vorabdruck in der Vossischen Zeitung. Fünf Tage
später wurde Remarque fristlos bei Sport im Bild gekündigt. Doch der Erfolg
übertraf selbst die kühnsten Erwartungen des Ullstein-Konzerns.
Die Vossische Zeitung steigerte ihre Auflage und kam
aus den roten Zahlen, Tausende Leserbriefe erreichten die Zeitung und
dokumentierten, daß Remarque mit seinem Text ein
Bedürfnis des Publikums befriedigt hatte: das nach einer ungeschminkten
Darstellung des Krieges. Der Ullstein-Konzern
startete eine im deutschen Buchhandel bis dahin noch nicht gesehene
Marketingkampagne für die Buchausgabe. Selbst an Berliner Litfaßsäulen wurde
mit wöchentlich wechselnden Plakaten auf das Erscheinen der Buchausgabe
hingewiesen. Als das Buch am 29. Januar 1929 endlich herauskam, lagen bereits
30.000 Vorbestellungen des Buchhandels vor. In sämtlichen Blättern des Ullstein-Konzerns erschienen pünktlich zur Auslieferung der
Buchausgabe ausnahmslos positive Rezensionen. Die Nachfrage war ungeheuer, Ullstein beschäftigte bis zu sechs Druckereien und mehrere
Bindereien gleichzeitig, um ihr nachzukommen.
Im
Westen nichts Neues war der bis dahin größte
Bucherfolg in der Geschichte der deutschen Literatur. Das 500. Tausend wurde
bereits am 7. Mai 1929 ausgeliefert, das 750. Tausend am 3. August 1929, und
die Million schließlich im Juni 1930. Anläßlich
dieses Jubiläums druckte der Ullstein-Konzern 1.000
Exemplare des Buches in Blindenschrift in einer zweibändigen, voluminösen
Ausgabe und verteilte sie kostenlos an Kriegsblinde. Auch zuvor schon hatte der
Konzern sein Marketingkonzept weiter fortgesetzt. Er publizierte zahlreiche
Werbebroschüren, schaltete Anzeigen und nutzte die mittlerweile äußerst
kontroverse Diskussion um den Text zu Werbezwecken. Ende 1930 war der Ullstein-Konzern schließlich davon überzeugt, daß nunmehr jeder Deutsche, der potentiell als Leser von Im
Westen nichts Neues in frage gekommen wäre, das
Buch auch gekauft oder gelesen hatte.
Dieser überwältigende Erfolg von Im
Westen nichts Neues provozierte Widerspruch. Hatten zunächst noch
Rezensenten aller politischen Richtungen den Vorabdruck positiv besprochen, so
entwickelte sich mit den steigenden Auflagenzahlen eine kontrovers geführte
Diskussion sowohl um den Text als auch um die Person des Autors Remarque. Die politische
Rechte sah, im Gegensatz zu den Demokraten, zunehmend in Im Westen nichts
Neues einen Versuch, das Andenken des deutschen Frontsoldaten zu
„beschmutzen“. Die politische Linke wertete nach anfänglicher Zustimmung Im
Westen nichts Neues mehr und mehr als „pazifistische Kriegspropaganda“ und
eine Darstellung des Krieges als Abenteuer, ohne daß
die gesellschaftlichen Ursachen des Krieges im Buch geschildert würden. Doch
die heftig geführte Diskussion beeinträchtigte den Erfolg nicht, sondern führte
vielmehr zu einer weiteren Steigerung der Verkaufszahlen. Nun stand der Autor
selbst im Zentrum der Kritik: man warf Remarque vor, die in Im Westen nichts
Neues geschilderten Ereignisse gar nicht selbst erlebt zu haben, man
bezichtigte ihn, sein eigentlicher Geburtsname sei „Kramer“ (eine Behauptung,
die durch die Publikation der Geburtsurkunde noch im Sommer 1929 widerlegt und
selbst vom Völkischen Beobachter für kontraproduktiv im „Kampf gegen Remarque“
erklärt wurde), er habe das Manuskript einem toten Kameraden im Felde
gestohlen, und ähnliche Unsinnigkeiten. Remarque hielt sich aus verständlichen
Gründen aus dieser Diskussion heraus. Auch in den zahlreichen Interviews
vermied er jede Stellungnahme zu diesen Diffamierungen, betonte jedoch, daß er sein Buch ganz unpolitisch und im Sinne des Mottos
gemeint habe: über eine Generation zu berichten, die „vom Kriege zerstört wurde
- auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ Im Dezember 1930, als die Diskussion
um das Buch bereits beendet war, kam die amerikanische Verfilmung durch Lewis
Milestone in die Berliner Kinos. Für Joseph Goebbels, damals noch „Gauleiter“
von Berlin, ein willkommener Anlaß, die
Standfestigkeit der Weimarer Demokratie zu prüfen. Seine SA-Truppen störten die
Aufführungen im Kino am Nollendorfplatz mit Stinkbomben und weißen Mäusen und
pöbelten Besucher der Vorstellungen auf offener Straße an. Obwohl der Film
bereits alle Zensurhürden genommen hatte und die Universal Pictures eigens eine
„deutsche“ Schnittfassung erstellt hatten, wurde Im Westen nichts Neues
nach einer Reichstagsdebatte und Änderung des Reichslichtspielgesetzes wegen
„Schädigung des deutschen Ansehens im Ausland“ (!) verboten und später nur mit
strengen Auflagen wieder freigegeben. Die Demokratie hatte trotz der Proteste
der demokratischen Intellektuellen, an denen jetzt auch Remarque teilnahm, eine
Niederlage erlitten, während die Nationalsozialisten und Goebbels ihren ersten
großen, publikumswirksamen Sieg gegen die Weimarer Republik errungen hatten -
der erste Schritt zur „Machtergreifung“.
Noch im Jahr der Erstausgabe 1929
erschienen Übersetzungen von Im Westen nichts Neues in 26 Sprachen.
Heute liegen Ausgaben in 50 Sprachen vor, die geschätzte Auflage des Buches
weltweit dürfte bei 15 bis 20 Millionen Exemplaren liegen. Und Im Westen
nichts Neues gilt heute weltweit als das Antikriegsbuch des 20.
Jahrhundert, von einem Deutschen geschrieben. Der Titel ist synonym geworden
für die Sinnlosigkeit des Krieges und für das sinnlose Sterben des einzelnen,
„kleinen“ Mannes in Konflikten, von denen andere profitieren.
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Hubert Rüter. Erich Maria Remarque. Im
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Ergebnisse der österreichisch-deutschen Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft für
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Thomas F. Schneider. Erich Maria Remarques
Roman »Im Westen nichts Neues«. Text, Edition, Entstehung, Distribution und
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Hubert Rüter. Erich Maria Remarque. Im
Westen nichts Neues – Ein Bestseller der Kriegsliteratur im Kontext.
Paderborn, München, Wien, Zürich: Schöningh, 1980 (Modellanalysen: Literatur
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Richard Albrecht. »Persönliche Freundschaft
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Jost Hermand. »Versuch, den Erfolg von Erich
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Erhard Schütz. »Was ein Remark
in einem labilen Staat anrichten kann. Die rechte Wut gegen ›Im Westen nichts
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Erhard Schütz. »Was ein Remark in einem labilen Staat anrichten kann. Die rechte
Wut gegen ›Im Westen nichts Neues‹«. Mitteilungen der Erich Maria Remarque
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Richard Albrecht. »Erich Maria Remarques Im
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Noch einmal über Aspekte des Abwehrkampfes gegen den Nationalsozialismus und
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von Bernhard Schmid. Reinbek: Rowohlt, 1990, 410–443.
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Modris
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Critical Insights: All Quiet on the Western Front. Pasadena/CA: Salem
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Jochen Meyer. »Erfolg ohne Tendenz. Tucholsky
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und die Seinen. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im
Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar. Marbach am Neckar: Deutsche
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Peter Dörp.
»Goebbels’ Kampf gegen Remarque. Eine Untersuchung über die Hintergründe des
Hasses und der Agitation Goebbels’ gegen den Roman Im Westen nichts Neues
von Erich Maria Remarque (I)«. Erich Maria Remarque Jahrbuch/Yearbook 1 (1991), 48–64.
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Thomas F. Schneider. »Prolegomena zur
Darstellung der ›Entstehung‹ und ›Rezeption‹ von Erich Maria Remarques Im
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Bärbel Schrader (ed.).
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Köln, Institut für Deutsche Sprache und Literatur [Examensarbeit], 1996,
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Thomas F. Schneider. »Das
Genre bestimmt die Quelle. Anmerkungen zum Einfluß
der Publikation und Rezeption auf die Entstehung und Quellenlage von Erich
Maria Remarques Im Westen nichts Neues (1928/29)«. Anton Schwob,
Erwin Streitfeld (eds.). Quelle – Text – Edition. Ergebnisse der österreichisch-deutschen
Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition in Graz vom 28.
Februar bis 3. März 1996. Tübingen: Niemeyer,
1997 (Beihefte zu editio 9), 361–368.
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Jens Ebert. »Der Roman Im Westen nichts
Neues im Spiegel der deutschsprachigen kommunistischen Literaturkritik der
20er und 30er Jahre«. Thomas F. Schneider (ed.). Erich Maria Remarque. Leben,
Werk und weltweite Wirkung. Osnabrück: Universitätsverlag Rasch,
1998 (Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs 12), 99–108.
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Günter Hartung. »Gegenschriften zu Im
Westen nichts Neues und Der Weg zurück«. Thomas F. Schneider (ed.). Erich
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Osnabrück: Universitätsverlag Rasch, 1998 (Schriften des Erich Maria
Remarque-Archivs 12), 109–150.
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Günter Hartung. »Gegenschriften zu ›Im Westen
nichts Neues‹ und ›Der Weg zurück‹ (1997/98)«. Günter Hartung. Werkanalysen
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Christian Salzmann. »›Im Westen‹, Ullstein und das
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Klaus Gruhn. »›Wehrkraftzersetzend‹. Schüler des Gymnasium Laurentianum
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