Emil Ludwigs Rede vom 4. Juli 1942 und die Reaktionen seitens deutscher Emigranten[1]

 

 

Die Rede Emil Ludwigs, die er am 4. Juli – dem Unabhängigkeitstag der USA – auf der Konferenz Win the War – Win the Piece in Los Angeles hält und deren Kernthesen zwei Tage später, am 6. Juli 1942 in der New York Times unter der Überschrift Ludwig Asks Fight on »German People« veröffentlicht werden, lösen eine kontroverse Debatte innerhalb der Exil-Politik aus. Entsprechend seiner Aussage »Germany is Hitler and Hitler is Germany« nimmt Ludwig eine Gleichsetzung des Nationalsozialismus mit Deutschland vor. Zudem bezeichnet er die Deutschen als ein aggressives Kriegervolk (»war passion of the German people«), bei dem eine Umerziehung notwendig sei. Emil Ludwig folgt damit scheinbar den Ideen von Lord Robert Vansittart, dem Begründer des sogenannten Vansittartismus. Dieser lehnt die Vorstellung von der Existenz eines »anderen Deutschlands«, welches nicht mit dem Nationalsozialismus identifiziert werden könne, ab und spricht sich stattdessen für eine deutsche Kollektivschuld und entsprechend strenge Bestrafung aus. Jenen Vansittartisten steht eine Gruppe von deutschen Exilanten gegenüber, die sich als Anhänger der Zwei-Deutschland-Theorie erweisen. Sie vertreten die Auffassung, dass sehr wohl ein »anderes Deutschland« besteht, womit sich die Hoffnung auf einen innerdeutschen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime verbindet.

Ludwigs Darstellungen in seiner Rede nehmen zahlreiche Exilanten zum Anlass, ihn als Vansittartisten zu stigmatisieren, da er sich mit seiner Pauschalverurteilung des deutschen Volkes eindeutig von der Zwei-Deutschland-Theorie distanziert. Anhänger jener Theorie fühlen sich zu einer Reaktion provoziert: Es folgen zahlreiche Presseberichte und persönliche Angriffe auf die Person Ludwigs – vorrangig mit dem Ziel, den politischen Gegner und dessen Programm zu diffamieren. Für sie besteht die Problematik des Vansittartismus vor allem darin, dass dessen Kollektivschuldthese und Forderung nach strenger Bestrafung des besiegten Deutschlands vom nationalsozialistischen Regime als Propagandamittel genutzt wird, um die Kampfkraft und das Durchhaltevermögen der deutschen Bevölkerung zu stärken. Die Zitate Ludwigs werden vom Propagandaministerium missbraucht: Den deutschen Bürgern solle glaubhaft gemacht werden, dass sich der Krieg der Alliierten nicht nur gegen das verantwortliche NS-Regime richtet, sondern gegen das gesamte Volk, um so Kräfte innerdeutschen Widerstands zu verhindern.

 

Lea Volkens

 



[1] Nach Eberhard Bahr. „Die Kontroverse um ‚das andere Deutschland‘. John M. Spalek, Joseph Strelka (Hg.). Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 2: New York. Bern: Francke, 1989, 1493-1513.

Vgl. auch Johanna W. Roden. „Emil Ludwig“. John M. Spalek, Joseph Strelka (Hg.). Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 2: New York. Bern: Francke, 1989, 554-569.

Vgl. auch Alf Christophersen. „‚Die Nicht-Unterscheidung von Theorie und Praxis‛. Paul Tillich, Emil Ludwig und der Council for a Democratic Germany.“ Christian Danz und Werner Schüßler (Hg.). Paul Tillich im Exil. Berlin. Boston: De Gruyter, 2017, 179-203.

Vgl. auch Alf Christophersen und Claudia Schulze. „Chronologie eines Eklats. Hannah Arendt und Paul Tillich.“ Dr. Mark D. Chapman et al. (Hg.). Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte/Journal for the History of Modern Theology 9 (2002), 98-130.