Emil Ludwig zählt zu den
meistgelesenen, deutschen Autoren in den USA. Während seines Exilaufenthalts in
Santa Barbara und Los Angeles von 1940 bis 1945 setzt der überzeugte
Republikaner seine schriftstellerische Arbeit gegen den Nationalsozialismus
fort und erörtert in politisch orientierten Werken Fragen über Deutschland. Bei
seinem Engagement für ein friedliches Europa steht der Pazifist in regem
Kontakt mit Regierungsvertretern Amerikas – allen voran mit Präsident
Roosevelt. Fast wöchentlich hält er Reden oder publiziert Stellungnahmen zu
aktuellen Ereignissen in der New York
Times. Anfangs wird Ludwig auch aus Exilanten-Kreisen als
öffentlichkeitswirksamer Repräsentant des deutschen Exils geachtet, v. a. die
Frage nach der Schuld am Kriegsgeschehen erregt dann aber eine heftige Debatte.
Im November 1941 erscheint Ludwigs Geschichte der Deutschen. Als Verehrer
der deutschen Kultur hinterfragt er, warum neben geistigen Größen wie
Beethoven, Goethe und Kant auch Hitler hervorging. Nicht nur die Politik, auch
die Bevölkerung steht dabei in seiner Kritik. Als Grundproblem des deutschen
Staates propagiert er die »Trennung von Geist und Macht«. Die Geschehnisse im
Land beurteilt Ludwig als logische Folge des militaristischen Charakters der
Deutschen, dem ihr künstlerisches, intellektuelles Potential unverbunden
gegenüberstehe. Hitler sei somit keine Ausnahme, sondern Repräsentant des
deutschen Charakters. Nach Kriegseintritt der USA hält Ludwig am 4. Juli 1942
eine Rede im Biltmore Hotel in Los Angeles. Die New York Times gibt diese verkürzt
wieder, stellt Ludwigs vermeintlichen Ausspruch »Germany is
Hitler and Hitler is Germany« in den Fokus und
entfesselt damit den Zorn vieler deutscher Emigranten. Sie beschuldigen Ludwig
der Verbreitung von Vorurteilen über das deutsche Volk. Eine Gegendarstellung
Ludwigs sowie die vollständige Rede erscheinen schließlich unter dem Titel Was soll mit Deutschland geschehen? in der einflussreichen
deutschsprachigen Exil-Zeitung Aufbau.
Ludwig urteilt streng: Bereits nach dem Ersten Weltkrieg hätten die Deutschen
ihre Unfähigkeit zur Selbstregulierung demonstriert. Für die Realisierung einer
demokratischen Republik genüge es nicht, den Nationalsozialismus zu
zerschlagen. Deutschland müsse vorübergehend entmachtet werden, um unter einem
»fremden Protektor« eine Generation mit neuen Ideen zu generieren. Ludwig
möchte nicht strafen oder demütigen, sondern vor einem neuen Krieg schützen. Er
glaubt an die Möglichkeit der Umerziehung der Deutschen – doch er stößt damit
auf gewaltige Empörung seitens der deutschen Emigranten. Größen wie Thomas
Mann, Paul Tillich, Heinz Pol und Hannah Arendt bestreiten eine Kollektivschuld
der Deutschen und betonen, eine Reihe von politischen Unglücksfällen hätten
Hitlers Macht ermöglicht. Ludwig konkretisiert seine Schilderungen über die
Deutschen wiederum in seiner Schrift How to Treat the
Germans (1943): Dem durch die Ideen Fichtes und Hegels sowie durch
preußische Parolen entstandenen militaristischen Charakter sei nur durch eine
Umerziehung entgegenzuwirken.
Als sich die Lage des Dritten Reiches
im Winter 1943/44 verschlechtert,
hält Ludwig mehr als vierzig Reden über die Deutschen, wodurch sich die
Opposition von Seiten deutscher Emigranten festigt und er das Image eines
Verleumders erhält. Während sich Reinhold Niebuhr, Paul Hagen, Thomas Mann u.
a. in ihrer Schrift Germany Tomorrow
für ein freies Deutschland nach dem Krieg aussprechen, ist Ludwig dezidiert
dagegen. Er plädiert weiterhin für Strenge, Distanz, Misstrauen und Autorität.
Mit Energie und Idealismus streitet
Ludwig, ein Hüter der deutschen Kultur, jahrelang für den Frieden. Sein Ziel
ist es, die Amerikaner über den vermeintlichen Charakter der »Deutschen«
aufzuklären und mithilfe der amerikanischen Regierung einen Beitrag zur
Entwicklung eines demokratischen Deutschlands zu leisten. Immer wieder wird er
dabei missverstanden und gerät ins Kreuzfeuer politischer Debatten. Nach
Kriegsende kehrt Ludwig 1945 von den Kontroversen gezeichnet in seine
Wahlheimat, die Schweiz, zurück.
Constanze Kronisch