Erstveröffentlichung: Bolshevik vom 30.04.1932, Nr. 8, Moskau.
Deutschsprachige Erstveröffentlichung:
Emil Ludwig. »Unterredung mit Stalin«. In Neue
Freie Presse (Wien) [als Korrespondenzschrift unter dem Datum, Moskau 24.
Mai].
und Emil Ludwig. »Stalin. Unterredung
mit dem deutschen Schriftsteller Emil Ludwig«. In Internationale Literatur (Moskau) 2 (1932), H. 2, S. 71–76.
Außerdem erschienen in J.W. Stalin. Werke. Band 13. Berlin 1950, S. 93–109.
Am 13. Dezember 1931 führte Emil Ludwig
ein dreistündiges Interview mit dem Generalsekretär des Zentralkomitees der
Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Josef Stalin, welcher bereits
zu diesem Zeitpunkt international als Diktator der Sowjetunion gefürchtet
wurde.
Ludwig war einer der ersten
ausländischen Journalisten, dem es gestattet war, ein Gespräch mit Stalin zu
führen. Vor ihm traf dies nur 1930 auf den US-amerikanischen Journalisten – und
zum damaligen Zeitpunkt als Anhänger des Kommunismus geltenden – Eugene Lyons
und 1928 auf den US-amerikanischen Wirtschaftsexperten Thomas D. Campbell zu,
welcher die Inhalte des Interviews später in seinem Buch Russia. Market or Menace?
veröffentlichte. Hierauf folgte eine Richtigstellung Stalins, da dieser mit der
auf den Werten des freien Journalismus ruhenden Darstellung Campbells nicht
einverstanden war. Zudem behielt sich Stalin für künftige Interviews – wie auch
bei Ludwig – stets das Recht der Erstveröffentlichung vor. Diese folgte sodann
am 30.04.1932 auf Russisch in der Moskauer Zeitschrift Bolschewik, bevor in der Wiener Zeitung Neue Freie Presse eine dreiteilige, gekürzte deutsche Übersetzung
des Interviews erschien.
»Wenn
die Erkenntnis eines Charakters nur aus den Akten zu schöpfen wäre, bliebe sie
auf historische Gestalten beschränkt: handelt es sich um einen Lebenden, so
tritt an die Stelle der Akten die lebendige Gegenwart und enthüllt so viel, wie
sie verhüllt.«
(Emil Ludwig, »Die drei Männer in Rom.
Der Papst – der König – der Diktator«. In: Vossische Zeitung, 19.05.1929.)
Dieses Zitat macht die Absicht des
Journalisten und Biografen Emil Ludwig deutlich: Sein Ziel ist es, hinter dem
düsteren Diktator Stalin dessen Persönlichkeit zu enthüllen und den Menschen
Josef Stalin erscheinen zu lassen. Ludwig hatte sich zu diesem Zweck zwar
Fragen vorbereitet, arbeitet diese jedoch keineswegs schematisch ab. Er setzt
vielmehr auf eine spontane Gesprächsführung, die ihm einen Themenwechsel
ermöglicht, wenn ein Gesprächsinhalt ihm nicht ergiebig genug erscheint.
Dadurch gerät er jedoch phasenweise in die Gefahr, die Führung des Gespräches
zu verlieren, und bietet seinem Gegenüber somit die Möglichkeit der
Selbstinszenierung. Ludwig stellt zwar durchaus kritische Fragen, lässt die
Antworten Stalins dennoch immer unkommentiert: So gibt es im gesamten Verlauf
der Unterredung keine Nachfragen und auch keinen Widerspruch – selbst bei
offensichtlichen Falschaussagen Stalins: Als dieser behauptet, in der
Sowjetunion würde nicht eine Person alles Politische entscheiden, ergo keine
Diktatur herrschen, bleibt seine Aussage unwidersprochen. Ludwigs Fragen sind
allerdings durchaus geschickt und strategisch gestellt und Stalins Reaktionen
wie Schweigen oder Ablenkung offenbaren die entlarvenden Antworten: So
antwortet Stalin beispielsweise nicht auf die Frage Ludwigs, ob der russische
Diktator sich zu Zeiten seiner Jugend an Raubüberfällen zur Finanzierung der
illegalen Sozialistischen Partei beteiligt habe. Die sonstige Gewohnheit
Ludwigs, bei Interviews sowohl das Gesprächsambiente als auch den ersten
Eindruck über seinen Gesprächspartner zu beschreiben, entfällt bei dieser
Unterredung mit Stalin. Die wenigen persönlichen Inhalte des Gespräches müssen
von Stalin im Nachhinein als positive Außendarstellung gewertet worden seien,
da sie sonst nicht zur Veröffentlichung freigegeben worden wären. Er spricht
beispielsweise sehr kurz über seine Kindheit und seine Eltern und gibt an, dass
es ihm bei diesen sehr gut ergangen sei.
Historisch am wertvollsten ist eine
Gesprächspassage über das Kulakentum: So offenbart
Stalin, dass die Bolschewiki sich nicht auf die Einschüchterung der Kulaken
beschränken wollen, sondern »auf die Liquidierung dieser bürgerlichen Schicht
hinarbeiten.« Es wird deutlich, dass Stalin sich nach außen – entgegen Ludwigs
eigentlicher Zielsetzung – keineswegs als sympathischer Mensch präsentieren
möchte, sondern mit dieser Aussage seinen mörderischen Charakter enthüllt.
Basierend auf diesem Interview, dessen
Abschrift weltweit Aufsehen erregte und vielfach abgedruckt wurde,
veröffentlichte Emil Ludwig 1942 eine Stalin-Biografie, in welcher er ein
durchaus milderes Bild des russischen Diktators zeichnete.
Jeremy Wöge