Swetlana Alexijewitsch, die Trägerin des Erich Maria Remarque-Friedenspreises der Stadt Osnabrück 2001

Swetlana Alexijewitsch erhält Remarque-Friedenspreis 2001

(Pressemitteilung der Stadt Osnabrück vom 13.02.2001)

 

Auf einstimmigen Beschluss der Jury erhielt im Jahr 2001 die 1948 in dem ukrainischen Dorf Iwano-Frankowsk geborene weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch den mit 30.000 Mark dotierten Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis.
So wie einst Erich Maria Remarque einer zerstörten Generation zur Sprache und damit zu Klage und Anklage des Krieges verhalf, gibt Swetlana Alexijewitsch seit ihrem ersten Buch sprachlosen Menschen ihre Stimme und verhilft ihnen so zu ihren Geschichten, die immer Geschichten von Opfern sind: Von den Opfern des Zweiten Weltkrieges erzählt ihr Buch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (1985/deutsch 1989), von den Kindern im Krieg berichtet Die letzten Zeugen (1985/deutsch 1992), von den Geschundenen im Afghanistan-Krieg Zinkjungen (1991/deutsch 1992) und von den Opfern der Tschernobyl-Katastrophe Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft (russisch und deutsch 1997). Ihr Buch Im Banne des Todes (1991/deutsch 1994) dokumentiert die Geschichten von Menschen, die nach dem Zusammenbruch des Sozialismus Selbstmord begangen haben.
Swetlana Alexijewitsch macht als Chronistin menschlichen Leids mit ihren Büchern die Wirklichkeit misshandelter Menschen sichtbar. Sie ist neugierig auf Menschen, um, wie sie sagt, "das Menschliche im Menschen zu schützen und zu bewahren". Dabei bringt sie nicht nur die "Geschichte der Ereignisse" zur Sprache, sondern auch die "Geschichte der Gefühle", die erst zusammen das Leben als Ganzes sichtbar machen.
 

Swetlana Alexijewitsch

Die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 in dem Ukrainischen Dorf Iwano-Frankowsk geboren. Ihr weißrussischer Vater war Schuldirektor, die ukrainische Mutter Lehrerin. In ihrer Kindheit wurde sie schon früh mit den leidvollen Erinnerungen ihrer Familie an Krieg und Stalinzeit konfrontiert, denen elf Familienmitglieder zum Opfer gefallen waren.
Wie ihr Vater studierte Alexijewitsch Journalistik in Minsk an der Weißrussischen Staatsuniversität. Nach ihrem Abschluss arbeitet sie zunächst als Redakteuren in Minsk, wurde dann aber für ein Jahr an die polnische Grenze zwangsversetzt.
1976 schrieb sie ihr erstes Buch, das nicht erscheinen durfte, weil es die Regierungspolitik kritisierte. Später verhinderte die Autorin selbst die Veröffentlichung, da sie die Publikation zu journalistisch fand. Nach zweijährigem Kampf mit der Zensur konnte 1985 konnte ihr zweites Buch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht veröffentlicht werden. Es hatte großen Erfolg und wurde verfilmt und vielfach dramatisiert. In dieser Zeit erschien auch ein Band mit Kindheitserinnerungen an den Krieg, Die letzten Zeugen.
Seit der Perestroika konnte Alexijewitsch als freie Autorin arbeiten. Gleichzeitig war sie Drehautorin, schrieb Theaterstücke und machte Fernseh- und Rundfunksendungen. 1992 erschien ihre Dokumentation über den Afghanistan-Krieg, Zinkjungen. 1994 folgte ihr Buch Im Banne des Todes über Selbstmörder in der postkommunistischen Gesellschaft. 1997 erschien Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft. In diesem Buch berichtet Alexijewitsch über Opfer der Tschernobyl-Katastrophe. Über mehrere Jahre hatte sie Menschen befragt, deren Leben von der Katastrophe gezeichnet war. Tschernobyl war, so Swetlana Alexijewitsch, etwas, "wofür wir noch kein System von Vorstellungen, noch keine Analogien oder Erfahrungen haben, woran unsere Augen und Ohren noch nicht gewöhnt sind, wofür nicht einmal unser bisheriger Sprachsatz, unser ganzes inneres Instrumentarium ausreicht."
Swetlana Alexijewitschs Bücher wurden in 19 Ländern verlegt. 1996 erhielt sie für ihre Dokumentarprosa den "Kurt-Tucholsky-Preis" des schwedischen PEN. 1998 wurden sie mit dem "Triumph-Preis für Kunst und Literatur Russlands", dem "Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung" und dem "Sonderpreis der Arbeitsgemeinschaft der Verleger, Buchhändler und Bibliothekare" der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet.