Beschreibung: \\Raidsys\webpage\Schriften\schatte.jpgSchatten im Paradies

Roman

 

 

Inhalt

Der Ich-Erzähler ist ein deutscher Journalist namens Robert Ross. Mit falschen Papieren ist er aus Deutschland vor den Nazis geflohen. Seine Flucht führte ihn über Lissabon, bis nach New York und Hollywood, wo er nun versucht ein neues Leben zu beginnen. Ross überlebt zwar als Flüchtling und Emigrant, aber sein Leben erscheint ihm kaum noch lebenswert.
Demütigungen und das ewige Gefühl, ein Fremder zu sein, lassen ihn im amerikanischen „Paradies“ nicht heimisch werden. Er findet einen fragwürdigen Job als Zubringer für einen ausgekochten Kunsthändler und arbeitet später auch noch als Spezialist für SS-Uniformen in Hollywood. Obwohl Ross Geld verdient und sich in das russische Mannequin Natascha Petrowa verliebt, bleibt er gezeichnet von der Verfolgung. Die Liebe zwischen den Beiden ist eine wundervolle Illusion, hilft jedoch nicht über das Gefühl der Heimatlosigkeit hinweg.
 Ross begreift, dass er zwar den Nazis entkommen ist, aber auf ewig ein einsames, geborgtes Leben führen muss. So ungeliebt in der neuen Heimat und fremd in der gesamten Welt erlebt Ross das Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach der deutschen Kapitulation erhält er eine Rückreisegenehmigung nach Europa. Doch auch in der alten, einst so vertrauten Heimat soll er Gast bleiben.

 

Auszüge

Ich war vor einigen Monaten mit einem Frachtdampfer aus Lissabon in Amerika angekommen und konnte nur wenig Englisch – das war, als hätte man mich halb stumm und halb taub und von einem anderen Planeten hier ausgesetzt. Es war auch ein anderer Planet, denn in Europa war Krieg.
Dazu kam, dass meine Papiere nicht in Ordnung waren. Ich hatte zwar dank vieler Wunder ein gültiges amerikanisches Visum, mit dem ich eingereist war; aber mein Pass lautete auf einen anderen als meinen Namen. Die Immigrationsbehörden waren misstrauisch geworden und hatten mich in Ellis Island festgesetzt. Nach sechs Wochen hatten sie mir dann eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Monate gegeben. In dieser Zeit sollte ich mir eine Einreisegenehmigung in ein anderes Land besorgen. Ich kannte das von Europa her. Ich hatte dort seit Jahren so existiert – nicht von einem Monat, sondern von einem Tag zum andern. Als deutscher Emigrant war ich ohnehin seit 1933 offiziell tot. Jetzt für drei Monate nicht mehr fliehen müssen, war bereits ein unfassbarer Traum.
Es schien mir auch schon lange nicht mehr merkwürdig, einen anderen Namen zu haben und mit dem Pass eines Toten zu leben – im Gegenteil, eher passend. Ich hatte den Pass in Frankfurt geerbt; der Mann, der ihn mir an genau dem Tage schenkte, an dem er starb, nannte sich Ross. Ich hieß also ebenfalls Ross. Meinen wirklichen Namen hatte ich fast vergessen. Man kann viel vergessen, wenn es ums nackte Leben geht. (Kapitel I)

Ich ging hinunter in die Hotelhalle, in der nur noch ein trübseliges Licht brannte. In der Ecke schnarchte der Mann, der Melikow dreimal in der Woche vertrat. Er sah mit dem gefurchten, von Seele entleerten Gesicht und dem offenen, stöhnenden Mund selbst wie ein Gefolterter aus, der soeben bewusstlos von einem Fleischerhaken losgemacht worden war.
Ich gehöre zu ihnen, dachte ich, ich gehöre zu dieser Horde von Mördern, es war mein Volk, ganz gleich, ob sie mich gejagt und verstoßen und ausgebürgert hatten, ich war unter ihnen geboren, und es war töricht, wenn ich mir vormachen wollte, dass ein treues, ehrliches, unwissendes Volk durch Legionen vom Mars überfallen und hypnotisiert worden sei. Diese Legionen waren unter ihm selbst aufgewachsen, sie hatten sich aus brüllenden Kasernenhofschindern und tobenden Demagogen entwickelt, es war der alte, von Oberlehrern angebetete furor teutonicus gewesen, der zwischen Gehorsamsknechten, Uniformvergötzern und viehischem Atavismus aufgeblüht war; mit der einzigen Einschränkung freilich, dass das Vieh niemals so viehisch war. Es war keine Einzelerscheinung! Die Wochenschauen mit ihren Zehntausenden von aufgerissenen, tobenden Mäulern zeigten nicht ein geduldiges, unwilliges Volk, dem befohlen worden war, es war das Urvolk selbst, das jauchzte, das die dünne Schicht der Zivilisation durchbrochen hatte und sich nun in seinem barbarischen Blut-Kot wälzte. Furor teutonicus! Heiliges Wort meines bebrillten Vollbart-Oberlehrers! Wie er es kostete! Wie selbst Thomas Mann es noch gekostet hatte zu Beginn des ersten Krieges, als er die „Gedanken zum Kriege“ schrieb und „Friedrich und die Große Koalition“. Thomas mann, der Hort und Führer der Emigranten. Wie tief musste die Barberei sitzen, wenn sie selbst in diesem humanen und humanistischen Dichter nicht ganz ausgerottet war! (Kapitel XXIII)
 

 

Kontext / Analyse

Schatten im Paradies ist der letzte Roman von Erich Maria Remarque und wurde postum veröffentlicht. Er schließt thematisch direkt an Die Nacht von Lissabon an. Die Reise des Exilanten von Lissabon nach Amerika ins rettende „Paradies“ wird fortgesetzt, und es folgt ein trauriges Erwachen aus dem schönen Traum, dass dort alles besser sei. Der Held des Romans erfährt starke Ablehnung als Fremder in den USA und sieht sich oft gedemütigt.
Remarque selbst konnte den Roman vor seinem Tode nicht mehr vollenden und absegnen. Er starb am 25. September 1970, so dass seine Frau Paulette Goddard-Remarque sich der Vermarktung des Werkes annahm. Am 20. April 1971 überreichte sie das Manuskript im Rahmen einer großen Presse- und Medienshow im Münchner Verlagshaus Droemer Knaur dem Verleger Willy Droemer. Zuvor hatte Paulette Goddard gemeinsam mit Remarques Agenten Felix Guggenheim den Roman meistbietend verkauft, weshalb dieser bei Droemer Knaur und nicht wie bisher bei Kiepenheuer & Witsch erschien. Der Verlagswechsel fand angeblich wegen der Vorschuss-Differenz von 25.000 Dollar statt.
Die daraufhin bei Droemer Knaur veröffentlichte Fassung entspricht nicht dem Original-Manuskript Remarques. Es wurden viele Stellen korrigiert oder sogar herausgekürzt. So ist auch der Titel nicht von Remarque selbst gewählt, sondern von der Lektorin bestimmt worden. Besonders die amerikanische Übersetzung Shadows in Paradise weist starke Veränderungen auf. Namen und Fakten wurden verändert, so dass kritische Passagen über die USA fast völlig herausgekürzt sind. Wiederholungen, lange Ausführungen und philosophische Passagen wurden gestrichen, und Aussagen über das Nachkriegsdeutschland und die Lebensform der USA entschärft.
Nach den Aussagen von Paulette Goddard soll es angeblich fünf bis sechs Fassungen des Romans gegeben haben, die alle von Remarque zu Lebzeiten verfasst wurden. In Wirklichkeit waren es jedoch nur zwei, und zwar die erste Fassung Schatten im Paradies, die Remarque 1967 beendete, und die Neufassung unter dem Titel Das gelobte Land, die er danach begann. Die beiden Versionen weisen große Unterschiede auf, besonders in der Namensgebung.
Nach der Veröffentlichung von Schatten im Paradies hagelte es schlechte Kritiken in Deutschland und erstmals auch in den USA. Die Handlung wurde für mangelhaft gehalten und die Helden für fragwürdig. Vor allem die Hauptfigur wurde als zu grundlos traurig und zu wehleidig bemängelt. Der Roman erschien den Kritikern eher unfertig und sie vermissten Remarques eigene, kritische Überarbeitung.
Doch trotz der eher schlechten Kritiken, erreichte der Roman in Kürze Rekordauflagen und rangierte in den Bestsellerlisten zwischen Platz zwei und vier. Denn thematisch wichtig war die erstmalige Auseinandersetzung Remarques mit dem Lebensstil der Amerikaner, einer Welt in der er einen Großteil seiner Exilzeit verbrachte. Doch nicht nur der amerikanische Lebenswandel wird kritisiert. Remarque äußert vor allem seine Enttäuschung über die deutsche Restaurationsmentalität und warnt vor der Verdrängung der Naziverbrechen.
Im Jahre 1987 wurde der Roman Schatten im Paradies für das slowakische Fernsehen unter dem Titel Tiene v raji verfilmt. Regie führte Frank Chmiel nach dem Drehbuch von Viera Usacevova. Der Spielfilm wurde in zwei Teilen am 28. September und am 5. Oktober 1987 gesendet. Leider ist dies die einzige Verfilmung des Romans und wurde nie ins Deutsche synchronisiert.

Maren Koch

 

Weiterführende Literatur

Studien und wissenschaftliche Arbeiten

 

·         Hans Wagener. »Erich Maria Remarque: Shadows in Paradise«. John M. Spalek, Robert F. Bell (eds.). Exile. The writers’ experience. Chapel Hill/NC: University of North Carolina Press, 1982, 247–257.

·         Richard A. Firda. Erich Maria Remarque. A thematic analysis of his novels. New York, Bern, Frankfurt/Main, Paris: Peter Lang, 1988 (American University Studies XIX, 8), 261–282.

·         Harley U. Taylor. Erich Maria Remarque. A literary and film biography. New York, Bern, Frankfurt/Main, Paris: Peter Lang, 1989 (American University Studies I, 65), 257–264.

·         Hans Wagener. Understanding Erich Maria Remarque. Columbia, SC: University of South Carolina Press, 1991 (Understanding Modern European and Latin American Literature), 106–114.

·         Marc Wilhelm Küster. »Die Manuskriptlage zu Remarques Schatten im Paradies«. Erich Maria Remarque Jahrbuch/Yearbook 5 (1995), 88–108.

·         Tilman Westphalen. »Nachwort. ›Alles war falsch. Ich muß noch einmal anfangen ... Und wir sind schon so müde‹«. Erich Maria Remarque. Schatten im Paradies. Roman. Mit einem Nachwort von Tilman Westphalen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1995 (KiWi 389), 495–512.

·         T[homas F.]S[chneider]. »Erläuterungen«. Erich Maria Remarque. Das unbekannte Werk. Frühe Prosa. Werke aus dem Nachlaß. Briefe und Tagebücher. Herausgegeben von Tilman Westphalen und Thomas F. Schneider. Vol. 2: Das gelobte Land. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1998, 433–442.

·         Tilman Westphalen. »Ein Tornister voll mit Blei«. Erich Maria Remarque. Schatten im Paradies. Roman. Mit einem Nachwort von Tilman Westphalen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1998 (KiWi 481), 495–514.

·         Brian Murdoch. The Novels of Erich Maria Remarque. Sparks of Life. Rochester/NY, Woodbridge: Camden House, 2006, 129–158.

·         Katharina Schulenberg. »Perspektive Amerika? Vergangenheitsbewälti­gung vs. Zukunftspläne in den post­hum veröffentlichten Romanen Das gelobte Land und Schatten im Paradies«. Erich Maria Remarque Jahrbuch/Yearbook 16 (2006), 34–89.