Geborgtes LebenZu Beginn der 50er Jahre besucht der alternde Rennfahrer
Clerfayt seinen ehemaligen Beifahrer Hollmann in einem Sanatorium, in dem er
seit längerer Zeit wegen Lungentuberkulose behandelt wird. Dort lernt Clerfayt
auch die schwer lungenkranke Lilian Dunkerque kennen. Sie verachtet die seit
Jahren gleiche Routine, die Langeweile und die strengen Regeln des Sanatoriums
und nutzt die Gelegenheit, um gegen den Rat ihrer Ärzte mit Clerfayt zu
flüchten.
Die beiden haben eines gemeinsam, und zwar die Tatsache, dass sie keine sichere
Zukunft haben. Clerfayt lebt sein Leben immer nur bis zum nächsten Rennen,
entgeht immer wieder dem nahen Tod und Lilians Dasein ist ständig bedroht durch
einen erneuten Blutsturz. Sie sieht in ihm den passenden Partner, weil auch er
stets nah am Tode steht. Die Melancholie über die Möglichkeit der plötzlichen
Trennung lässt ihre Romanze sehr intensiv werden. Beide verdrängen die
Todes-Thematik und leben einen romantischen Traum in Paris. Voller
Leichtigkeit, als könne ihnen nichts geschehen, genießen sie ihr Glück und
geben sich ihren Illusionen hin.
Auf Sizilien, wo Clerfayt ein Rennen zu fahren hat, umsorgt er die kranke
Lilian so sehr, dass sie sich eingesperrt und an die Zustände des Sanatoriums
erinnert fühlt. Sie verfolgt das Rennen am Radio und merkt, dass sie dem
Autosport nichts abgewinnen kann. Lilian versteht den Sinn des Rennens, mit
Start und Ziel an der selben Stelle, nicht und zweifelt daran, dass dieses
Spiel mit dem Tod sinnvoll ist.
Sie reist heimlich allein nach Venedig, wo sie erneut eine Lungenblutung
erleidet. Erst dann erkennt Clerfayt die ganze Schwere ihrer Krankheit. Auch
aus diesem Grund beginnt er Pläne zu schmieden. Er spricht davon das
Renngeschäft aufzugeben, zu heiraten und sesshaft zu werden. Doch Lilian liebte
ja gerade den Mann ohne Pläne und ohne Zukunft, der sie durch seine Liebe den
Tod vergessen ließ. Sein Wandel entfernt sie geistig weiter von ihm, so dass sie
sich entschließt, sich nach seinem nächsten Rennen in Monte Carlo von ihm zu
trennen. Dazu kommt es jedoch nicht mehr, denn Clerfayt verstirbt während des
Rennens bei einem tragischen Unfall. Daraufhin kehrt Lilian in das Schweizer
Sanatorium zurück und stirbt nur sechs Wochen später an ihrer schweren
Erkrankung.
Sogar in den Pfützen spiegelte sich der Himmel, dachte
sie und musste lachen. Vielleicht spiegelte Gott sich dann auch sogar in Onkel
Gaston. Aber wo in ihm? Er war schwerer zu finden in Gaston als das Blau und
das Glitzern des Himmels in dem schmutzigen Wasser das zu den Kanallöchern
abfloss. Er war schwerer zu finden in den meisten Menschen, die sie kannte. Sie
hockten in ihren Büros hinter ihren Schreibtischen, als Wären sie alle doppelte
Methusalems, das war ihr trostloses Geheimnis! Sie lebten, als gäbe es keinen
Tod. Aber sie taten es wie Krämer, nicht wie Helden. Sie hatten das tragische
Wissen um das Ende verdrängt und spielten Vogel Strauß und kleinbürgerliche
Illusion vom ewigen Leben. Mit wackelnden Köpfen versuchten sie sich am Grabe
gegenseitig noch zu betrügen und das aufzuhäufen, was sie am frühesten zu
Sklaven ihrer selbst gemacht hatte: Geld und Macht.
Sie nahm einen Hundertfrancs-Schein, betrachtete ihn und warf ihn mit einem
Entschluss in die Seine. Es war eine sehr kindisch-symbolische Handlung des
Protestes, aber das war ihr gleich. Es tat ihr gut es zu tun. (Kapitel XV)
„Florenz“,
meldete die Stimme am Radio triumphierend und begann Zeiten aufzuzählen, Namen
wieder und Automarken, Durchschnittsgeschwindigkeiten und
Höchstgeschwindigkeiten, und dann voll Stolz: „Wenn die führenden Wagen so
weiterfahren, werden sie in neuer Rekordzeit wieder in Brescia sein!“
Lilian stutzte. In Brescia, dachte sie. Zurück in der kleinen Provinzstadt mit
Garagen, Cafes und Läden, von der sie aufgebrochen waren. Sie spielten mit dem
Tode, sie tobten durch die Nacht, sie fielen der entsetzlichen Müdigkeit des
frühen Morgens anheim mit starren, maskengleichen, vom Dreck verkrusteten
Gesichtern, sie rasten weiter, weiter, als ginge es um das Größte der Welt –
alles nur, um wieder in die kleine Provinzstadt zurückzukehren, von der sie
gekommen waren! Von Brescia nach Brescia!
Sie stellte das Radio ab und ging zum Fenster. Von Brescia nach Brescia! Gab es ein stärkeres
Symbol der Sinnlosigkeit? Hatte das Leben ihnen dazu Wunder wie gesunde Lungen
und Herzen geschenkt, unbegreifliche chemische Fabriken wie die Leber und die
Nieren, eine weiße, weiche Masse im Schädel, die phantastischer war als
sämtliche Sternsysteme, alles das, um es zu riskieren und, wenn sie Glück
hatten, von Brescia nach Brescia zu kommen? Welch entsetzliche Narrheit!
(Kapitel XVII)
Erich Maria Remarques Roman Der Himmel kennt keine
Günstlinge wurde im Sommer 1959 erstmals als Fortsetzungsroman in der
Illustrierten Kristall veröffentlicht. Er trug damals jedoch den Titel Geborgtes
Leben und erschien in zwölf Folgen. Schon am 17. Juli 1959 warben Die
Welt und Bild mit ganzseitigen Anzeigen für den Abdruck von Geborgtes
Leben. Roman einer Liebe. Dazu verwendeten sie den angeblich von Remarque
gemachten Ausspruch „Ich glaube, dass dieser Roman eines meiner Hauptwerke
wird“ und verbreiteten ihn verkaufsfördernd.
Die erste Buchfassung erschien dann 1961 bei Kiepenheuer&Witsch und weist
einige Veränderungen des Autors auf. Die Buchversion ist deutlich länger und
wurde nochmals von Remarque sprachlich überarbeitet. Das Thema, die Handlung
und die eingesetzten Figuren bleiben jedoch bestehen. Die amerikanische
Übersetzung Heaven has no favorites erschien ebenfalls 1961. Die
Verfilmung in den USA ließ jedoch noch bis 1977 auf sich warten. Unter dem
Titel Bobby Deerfield
verfilmte Columbia Pictures damals die Romanvorlage unter der Regie von Sidney
Pollack und mit Al Pacino und Marthe Keller in den Hauptrollen. Jedoch hat der
Film mit Remarques Roman nicht sehr viel gemein und wurde trotz Star-Besetzung
ein Flop.
Der Verkaufserfolg des Romans war in Deutschland groß, jedoch hagelte es
negative Kritiken. Diese kamen zumeist von den angesehensten Kritikern des
Landes, so dass es schon als Qualitätsurteil zu werten ist, dass sie sich mit
Remarques Roman auseinandergesetzt haben. Sie bemängelten vor allem den
schwachen Stil, die überzogene Sentimentalität und warfen Remarque vor, er habe
Der Himmel kennt keine Günstlinge schon gleich als Drehbuch geschrieben.
Jedoch räumten sie ein, dass das Werk durchaus packend und spannend zu lesen
sei und man es nicht so schnell wieder aus der Hand lege.
Auch in den USA wurde der Roman positiv aufgenommen, weniger wegen seiner
literarischen Qualität, sondern vielmehr weil er das Bild bedient, das die
Amerikaner von Europa haben. So bespricht Remarque in seinem Roman wenig die
deutsche Zeitgeschichte, sondern widmet sich anderen Themenbereichen. Er greift
zurück auf die Frühphase seiner Literatur, und zwar geht er zurück bis in die
20er Jahre und bis vor das Erscheinen von Im Westen nichts Neues. In seinem damaligen
Stil und mit damaligen Handlungssträngen als Leitmotiv verfasste er Der
Himmel kennt keine Günstlinge.
Remarques erstes Interesse an Autorennen wurde 1922 geweckt, als er begann, für
das Werbeblatt Echo-Continental der Continental-Gummiwerke in Hannover
zu arbeiten. Schon 1924 tauchten die in Der Himmel kennt keine Günstlinge
beschriebenen Personen in einer Kurzgeschichte mit dem Titel Das Rennen
Vanderveldes auf. Diese Geschichte wurde in Sport im Bild, der
„Zeitschrift für die gute Gesellschaft“ veröffentlicht. In ihr wurde die Figur
Lilian zum Leben erweckt, jedoch damals als mondäne Society-Frau und ohne ein
Lungenleiden. Ihr Partner in der Geschichte heißt zwar Vandervelde, entspricht
jedoch sehr dem Männertyp von Clerfayt. Ihren zweiten Einsatz fand Lilian
1927/28 in dem Fortsetzungsroman Station am Horizont, der ebenfalls in Sport
im Bild erschien. Ihr Partner heißt in dieser Geschichte zwar Kai, ähnelt
aber trotzdem wieder sehr dem Rennfahrer Clerfayt.
Durch Wideraufnahme der Figuren und der Handlungsstränge in Der Himmel kennt
keine Günstlinge erscheint es, als habe Remarque eine Zeitreise zu seinen
literarischen Wurzeln gemacht. Er beschreibt wie damals die mondäne Welt des
Autosports, die eleganten Menschen, die dieses Milieu anzieht, und vermischt
den Society-Bericht mit tiefgründiger Lebensphilosophie. Ironie, Übertreibung
und dunkler, ja fast depressiver Hintergrund ergänzen sich zu seinen Werken
dieser Kategorie. Und so schafft er es meisterlich Liebe, Weltanschauung,
Lebens- und Todesphilosophie trotz des oberflächlich wirkenden Milieus zu
verbinden.
Maren
Koch
Studien und wissenschaftliche Arbeiten