Erich Maria Remarque - GAM - Gam. Roman

 

 

Inhaltszusammenfassung

Die junge Protagonistin Gam wird auf ihrem Weg durch vier Kontinente (Afrika, Asien, Südamerika, Europa) mit verschiedenen Männertypen konfrontiert, die jeweils unterschiedliche Lebensphilosophien repräsentieren, wobei die Figuren Clerfayt, Kinsley und Lavalette im Mittelpunkt stehen. Eine Notiz aus dem Nachlass des Autors verdeutlicht die einzelnen Positionen:

Personen

Clerfayt gesammelte Energie, Jugendkonsequenz, Härte, im Elan unwiderstehlich
Kreole Dekadenz
Purischkoff Schwärmer
Kinsley Menschentum und Wissen um die Zusammenhänge
Séjour Kontemplativer Ästhetiker
Lavalette Kugelmensch
Fred Durchschnittstyp

Arzt zwiespältig
Scrymour sehr geschlossen
Bucklige Aus Physiologie heraus
Henker

Dieses philosophisch gedachte Konstrukt der Konfrontation der – übrigens im Romanwerk Remarques einzigen – weiblichen Protagonistin mit diversen Männer-Typen und ihre Selbstfindung am Ende des Romans realisiert Autor vor dem Hintergrund exotischer Welten und Philosophien und siedelt die Handlung vorwiegend – mit Ausnahme der Fred-Episode im Milieu der Reichen, Schönen und Distinguierten an. Die Charaktere sind das Produkt ihrer exotischen, vom Autor in zahlreichen Details ausgearbeiteten Lebensräume, und Gam als die schwankende Frau, findet erst im endgültigen Verlust des Geliebten, Lavalette, in der Zurückgezogenheit zu sich selbst. Ein Kreis hat sich am Ende des Romans mit dem Wiederfinden des erotischen Divans des Abu Nowas geschlossen; ein Kreis, der – als Paradox gedacht – zugleich ein Anfang ist. Gam ist sich nunmehr nicht nur ihrer Existenz, sondern auch ihrer Selbst bewusst und erreicht schließlich damit die Einheit von Mensch und Natur, die in den frühen Gedichten Remarques so vehement beschworen wird.

Auszug aus Gam (Epilog)

Die Narzissenwiesen lagen im gleitenden Licht. Schlank standen die Gräser wie eine Sperrwache unter den blassen Blumenkehlen. Falter hingen trunken in den Blüten; Käfer kletterten behende an den Schäften entlang. Goldene und grüne Flügeldecken schoben sich durch die Stengel. Bienen summten wie versunkene Orgeln.
Gam war im Schreiten sich ihres Körpers bewußt. Sie fühlte die Füße, die den Boden faßten, die Zehen, die aufsetzten, und die elastisch sich abrollende Krümmung der Sohle. In den Knien federten die Gelenke im Takte des Ganges. Die Hüften trugen den Rücken und schwangen im gleichen Rhythmus wie die Schultern. Welch eine Gnade war es, den Kopf heben zu können, ihn zurücklegen zu können - und das Gleitende über das Gesicht zu fühlen.
„Das Leben ist alles“, ging Gam: sie dachte es nicht, sie ging es – „Leben ist alles“ – Ich empfinde – göttlichstes Gefühl – die Welt ist jung wie ich – Solange ich mich empfinde, steht die Welt – „Solange ich mich lebe, lebe ich Alle –“
Der Wald stand hinter den Wiesen. Eichen waren schwer – und hoch über die andern Bäume gewachsen. Darunter drängten sich junge Bäume. Unterholz – und Gesträuch wucherte – um ihren Fuß. Dazwischen lagen gestürzte Stämme. Auf ihnen aber lebten schon Pilze und Schlingpflanzen. Der Wald wuchs - und wuchs, stark, lebendig, immerfort. Er wuchs – und wuchs –
Gam roch den Duft der Erde – und der Kräuter. Sie brach Rinde und schmeckte sie. Wind kam auf. Ein neues Jahr brach aus der Scholle. Alles war Beginnen. Gam wußte nun alles. Sie neigte das Haupt. –
Sprach nicht jemand neben ihr: „Ich beginne – ich bin bereit –“

Kontext / Analyse zu Gam

Der bis 1998 unpubliziert gebliebene Roman Gam entstand vermutlich im Zeitraum Frühjahr/Sommer 1923 bis Frühjahr/Sommer 1924. Direkte Zeugnisse oder Aussagen des Autors zur Entstehung oder zum Text überhaupt liegen bislang nicht vor. Die Datierung stützt sich auf den in im New Yorker Nachlass Remarques verwahrten Manuskripten und Entwürfen zu dem Text.
Einen weiteren Hinweis auf den Entstehungszeitraum des Romans Gam gibt die Publikation einer mit einer Passage des Romans nahezu wortgetreuen Kurzgeschichte unter dem Titel Steppengewitter in der Zeitschrift Jugend (München) vom Juli 1924. Diese Kurzgeschichte ist – mit Ausnahme der Namen und der Exposition – weitgehend identisch mit dem in Kapitel III, Abschnitt 4 geschilderten Gewitter. Entweder stellt die Kurzgeschichte einen Auszug aus dem Roman dar, oder Remarque hat diese in der Kurzgeschichte geschilderte Episode zu einem späteren Zeitpunkt in den Roman integriert.
Im Frühjahr 1942, der Zeit des curfew-Hausarrestes in Los Angeles, ließ Remarque laut Tagebuch das „alte Manuskript“ abschreiben und korrigierte es teilweise zu der 1998 abgedruckten Fassung.
Der frühe Roman Gam ist, nach dem stark autobiographisch gefärbten Die Traumbude, ein Thesenroman, ein Versuch des Autors, philosophische Überlegungen in eine Romanhandlung zu betten und ihnen mit Exotik die Starre zu nehmen, die diese Aneinanderreihung von Positionen sonst mit sich bringen würde.
Die Bedeutung des Romans Gam ist trotz der Tatsache, dass er zu Lebzeiten des Autors nicht nur unpubliziert, sondern auch, soweit bekannt, öffentlich unerwähnt blieb, kaum zu unterschätzen. Die Bedeutung für den Autor geht allein schon aus dem Umstand hervor, dass Remarque das vermutlich 1942 entstandene Typoskript bis zu seinem Tode in einer Mappe aufbewahrte, die die Aufschrift „1. Roman“ trägt, obwohl es Remarque zuvor schon gelungen war, mit Die Traumbude einen Roman zu veröffentlichen. Anders gedeutet: mit Gam beginnt die eigentliche Phase des Romanschriftstellers Erich Maria Remarque. Und, zieht man die zur Entstehungszeit des Romans vor allem in der Zeitschrift Jugend veröffentlichten, in der Thematik verwandten Erzählungen hinzu, beginnt 1924 die Existenz des Schriftstellers Remarque.
Auffällig ist darüber hinaus, dass Remarque die in Gam verwendeten Figurennamen bis hin zu seinem letzten Roman, Das gelobte Land, wiederverwendete. In Gam entwickelte der Autor das Personennameninstrumentarium, mit dem er in zahlreichen seiner späteren Werke arbeiten sollte. Psychologisch interessant mag es vielleicht zusätzlich sein, dass Remarque Mitte der 20er Jahre Texte unter dem Pseudonym Lavalette publizierte und eine der beiden Figuren, unter denen er mit Marlene Dietrich korrespondierte, den Namen Ravic trug – vor der Publikation von Arc de Triomphe, mit dem der Name in die Literaturgeschichte einging: Ravic, der schwärmerische Liebhaber. In diesem Briefwechsel mit Marlene Dietrich findet sich schließlich auch der einzige kommentierende Hinweis auf Gam: in einem der über 300 Briefe verweist Remarque ironisierend auf die Figur Gam, wodurch zumindest ein Leser des Romans zu Lebzeiten des Autors identifiziert wäre: Marlene Dietrich.
Ob und wann Remarque Anstrengungen unternommen hat, den Roman zu publizieren, und an welchen Umständen ein solcher Versuch letztlich scheiterte, ist völlig ungeklärt. Zahlreiche der thematischen, motivischen und philosophischen Leitmotive, die Remarques Werk durchziehen, haben in Gam jedoch zweifellos ihren Ausgangspunkt. Und nicht nur aufgrund der Namensgleichheit in Clerfayt kann Der Himmel kennt keine Günstlinge (1961) bzw. dessen Vorabdruckfassung Geborgtes Leben (1959) als Weiterentwicklung von Gam gewertet werden. Ende der 50er Jahre, nach der explizit politischen Phase in seinem Schaffen mit den Romanen Der Funke Leben (1952), Zeit zu leben und Zeit zu sterben (1954) und Der schwarze Obelisk (1956), dem Schauspiel Die letzte Station (1956) und dem Drehbuch zu dem Film Der letzte Akt (1955), war Remarque zu den schriftstellerischen Anfängen, zum „1. Roman“ zurückgekehrt.

Weiterführende Literatur

Brian Murdoch. The Novels of Erich Maria Remarque. Sparks of Life. Rochester/NY, Woodbridge: Camden House, 2006, 1–30.